Symbolbild "So grade eben"

Ich schreibe, weil ich fertig werden MUSS – jedoch nicht: Weil ich fertig werden WILL, schreibe ich.

… so ließe sich die Last-Minute-Formel eventuell in Satzform pressen und offenbart in Verb und Satzumkehrung einen doppelten Hindernislauf. Ein Hindernislauf, der vor und während des Schreibens von selbstanklagender Begleitmusik á la „Warum tue ich mir das eigentlich an?“ „Nochmal passiert mir das aber nicht mehr!“, untermalt wird – bis spätestens das Setzen des letzten Textzeichens dann wieder alles verändern kann. Aber dazu später.

Das „MUSS“ gibt für den Textproduzenten oder die Textproduzentin in der klassischen Last-Minute-Arbeit das Startsignal. Wie? So lange kein MUSS, so lange ist noch viiiel Zeit. So lange man noch keine Zeitnot verspürt, so lange ist damit auch das Schreiben keine dringende Angelegenheit. Wichtigkeit hat er vielleicht schon, der Textauftrag, aber ohne dazugehörige Dringlichkeit fehlt ihm etwas Entscheidendes: Die Motivation, weshalb man beispielsweise ausgerechnet jetzt mit dem Schreiben beginnen sollte.

Die Motivation, besser gesagt, EINE mögliche Motivation, findet sich erst im oben genannten zweiten Satzteil, der gerade nicht die Maxime des Auf-den-letzten-Drücker-Arbeitens widerspiegelt: „Weil ich fertig werden WILL, schreibe ich“. Den Unterschied macht hier die getroffene Entscheidung: Ich WILL etwas. Das damit verbundene Ziel? Fertig werden. Wie lässt sich das erreichen? Durch Tun, nämlich das Schreiben.

Aber: Was ist eigentlich gegen Last-Minute-Arbeit einzuwenden?

  • Sie kann auf vielerlei Arten für Kopf und Körper ziemlich anstrengend sein
  • Es werden nicht immer die besten Ideen umgesetzt, sondern das, was in der Kürze der Zeit verfügbar und machbar ist
  • Das chronische Text-Schieben kann nervenzehrendes isoliertes Phänomen bleiben oder andere (Arbeits-)Bereiche infizieren, bis unter Umständen irgendwann gar nichts mehr geht.

Und was spricht FÜR Last-Minute-Arbeit?

  • Sie kann ungeahnte Kräfte freisetzen, auf die unter „normalen“ Umständen scheinbar nicht zugegriffen werden kann
  • Zeitdruck ermöglicht erst die kreativen Höhenflüge
  • Sie beweist eindrücklich, dass man „es“ mal wieder geschafft hat.

Die kurze, wie unvollständige Gegenüberstellung zeigt, sie „hat“ was, die Last-Minute-Arbeit. Ein Etwas, das sich während des Schreibens langsam steigert, mit Fertigstellen des Textes seinen höchsten Punkt erreicht und dann noch eine Weile den auf Hochtouren laufenden Kopf und Körper nachglühen lässt. Durchaus verständlich, dass dies die oder den Schreibenden auch sehr glücklich zurücklassen kann.

Lässt sich dieses „Etwas“ vielleicht noch genauer beschreiben?

  • Das Gaspedal wird von Jetzt auf Gleich voll durchgetreten und erst nach Vollendung des letzten Satzes nimmt man wieder den Fuß herunter. Damit lädt man eine eigentlich alltägliche Situation, nämlich „Ich schreibe mal wieder einen Text“, erst mit besonderer Bedeutung auf. Das Schreiben bekommt so (überhaupt erst) den nötigen Kick oder Thrill. „Wenn ich jetzt nicht alles gebe, dann…“ Durch den künstlich verknappten Zeithorizont lässt sich der Kick oder Thrill also nicht nur erzeugen, sondern auch viel intensiver erleben.

  • Es ist ein sehr dichter Prozess.  Scheinbar lässt sich genau damit Kreativität verlässlich anlocken. Im Schnelldurchgang rast man als Last-Minute-Arbeitende(r) durch alle Phasen des kreativen Prozesses: der Unsicherheit, dem Suchen, dem Aha-Moment des kreativen Ineinanderrastens der bisher losen Puzzlesteinchen, der sinnmachenden Übersetzung dessen in eine strukturierte Textform.

  • Die oder der Schreibende erlebt sich als RealitätsbezwingerIn.  „ICH und NUR ich habe das unmöglich Geglaubte mal wieder geschafft. Und das habe ich sprichwörtlich, schwarz auf weiß, vor mir.“ In der Psychoanalyse wird dafür der Begriff des „ozeanischen Zustands“ verwendet. Wenn es keine Trennung mehr von Ich und Außen, keine Bedürfnisse mehr zu befriedigen gibt, dann ist es da, das Erleben des magischen „Flow“. Und das Tollste scheint zu sein: Man selbst als Schreibender oder Schreibende hält den Schlüssel zum „Flow-Erleben“ in der Hand. Fordert das nicht geradezu Wiederholung heraus? Zumal: Weiß man nicht sowieso stets im Voraus, dass es eh wieder gelingen wird, der Wettlauf mit der Zeit?

Damit hat „Last-Minute-Arbeiten“ durchaus Suchtcharakter, wenn es niemand geringerer als das „Flow-Erleben“ ist, welches einen federführend immer wieder in die Zeitfalle hineinrasen lässt.

Ist eine Veränderung ausgeschlossen?
Will heißen: Einmal Last-Minute-ArbeiterIn, immer Last-Minute-ArbeiterIn?
Um auch einmal die Option des gemächlicheren, strukturierteren, vielleicht besser in den Tagesablauf zu integrierenden Schreibens ausprobieren zu können, dabei kann genau der Blick auf das Bewahrenswerte, das überaus Verlockende des „Last-Minute-Arbeitens“ helfen. Zwei nützliche Fragestellungen, um spielerisch neu über sich als Schreibende oder Schreibender nachzudenken, könnten sein:

  • Wie kann ich genau diese Art des Arbeitens beibehalten?
    und
  • Was unterstützt mich dabei, dass ich auch zukünftig andere Möglichkeiten meine Texte zu schreiben verlässlich vermeiden kann?

Mit so getakteten Fragen können sie sich, vielleicht erstmals, an die Oberfläche wagen, jene Muster, die bisher so zuverlässig dem Aufschieben die Tür aufgehalten haben. Und daraus lässt sich dann testweise ein alternativer Schreibzugang weiterentwickeln:

  • Was sollte sich auf keinen Fall ändern?
  • Wer oder was gehört zu den „Guten“ und sollte in jedem Fall beibehalten werden?
  • Woran lässt sich für einen selbst erkennen, wenn die gewünschte Schreibarbeits-Änderung eingetreten ist, dass dies auch tatsächlich das ist, was für einen selbst„besser“ ist?

Für mich, als langjährige Last-Minute-Sklavin, war eine basale wie banale Erkenntnis entscheidend dafür, etwas ändern zu können: Süßigkeiten. Die dürfen auf keinen Fall fehlen. Dereinst als Belohnung eingesetzt, wenn es mal wieder an die vermeintlich unvermeidliche Nachtschicht ging, gibt es die für mich nun auch beim Schreiben ohne Endzeitszenario. Der letzte Punkt ist gesetzt und dann entscheide ich, was meinen Insulinspiegel nach oben pushen darf. Das wirkt sehr zuverlässig immunisierend gegen inszenierte Panik-Schreibattacken. Zumindest bei mir.

Als Bücher haben mich beim Schreiben dieses Textes begleitet:
Fritz B. Simon: Wenn rechts links ist und links rechts. Paradoxienmanagement in Familie, Wirtschaft und Politik. Carl Auer. Heidelberg. 2013. S. 114-135.
Matthias Varga von Kibéd, Insa Sparrer: Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen – für Querdenker und solche, die es werden wollen. Carl Auer. Heidelberg. Siebte Auflage. 2011. S. 111-133.

Bildnachweis: © Michał Nowosielski - Fotolia.com

 

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Schreibblockade, wenn das Unbewusste auf Tauchstation geht. Ich war verblüfft. Vor mir ein weißes Blatt Papier, in der Hand der Kugelschreiber, neben mir das gelesene Buch, über das ich eine kurze Rezension schreiben wollte – und nichts passierte.

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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