Symbolbild Schreibend vorwärts spüren

Im schönsten Fall ist da diese luftig-prickelnde Wolke im Kopf, die ahnen lässt: Der Text ist schon da! Und zwar ausgefeilt in seiner Klarheit der Gedanken, der schlafwandlerischen Logik seiner Struktur und der formvollendeten Eleganz jedes Satzes. Eine flüchtig-leichte Sicherheit, die vorab auf der Gefühlsebene signalisiert, dass nämlich genau dort der Text bereits existiert. Und die Worte? Die werden sich schon nach und nach hinzu gesellen, so das gefühlte Versprechen.

Damit sich dieses Spüren zeigen kann, in Worten, in Sätzen oder auch nur in einem blitzenden Resümee, dafür ist sie der beste Ankerplatz: die Entspannung. Ob im hohen Energielevel des ersten Erkennens oder im handwerklichen Fortschreiben eines Grundgerüsts, es muss eine Lücke geben, wo das Neue durchschlüpfen kann. Denn zumeist liegt es abseits der Wegstrecke. Vielleicht verträgt es sich auf den ersten Gedanken so ganz und gar nicht mit dem, was das Bewusste erwartet. Und, obwohl das Unbewusste die entscheidende Trumpfkarte aufdecken könnte, es ist nicht aufgrund dessen automatisch der stärkere Part.

Dabei sind beide Bewusstseinszustände und Fähigkeiten gleichermaßen notwendig. Einerseits sich souverän als HandwerkerIn kontinuierlich im Text vorwärts zu bewegen. Andererseits genauso gut innehalten zu können, ruhig zu warten, nicht-zielgerichtet zu experimentieren. Um dann jedoch wieder das vertraute Werkzeug in die Hand zu nehmen und bewusst Etwas eine Form zu geben. Allerdings muss man aushalten können, dass diese neukreierte Form im nächsten Moment schon wieder zerstört wird – von einem selbst. Dass plötzlich deutlich weniger von bereits Geschaffenem vorhanden ist. Dabei nicht mit sich selbst zu hadern, sondern mit dem ganzen Mut in diese noch frische Leerstelle hineinzuspüren: Fühlt sich das, was jetzt da ist, richtig und gut an?

Dieses Hin- und Herpendeln kann Angst machen, als quälend langsam empfunden werden, ein Wechselbad der Gefühle auslösen. Denn woher weiß man, dass hier nicht nur sinn- und vielleicht sogar endlos durcheinander gewirbelt wird? Dass das Schreiben, geht man auf dieser Route weiter, irgendwann in das gefühlte Schlussbild finden wird?  Man muss sich selbst über den Weg trauen in seinem Tun. Und sich nicht überfordern, indem man nur darauf abzielt,  die hohe Kunst bestünde darin, dass es irgendwann zwangsläufig einfacher werden müsse – ohne allerdings für sich kategorisch auszuschließen, dass es sich häufig genauso einfach anfühlen kann. Denn eines ist immer da, egal, ob man es gerade aktiv einsetzt oder in den Schlummer-Modus versetzt hat: Das Wissen, zu einem bestimmten Thema, über das handwerkliche Tun. In der Entspannung kommt dann der Prozess dazu: Das Eintauchen in den kreativen Zwischenraum. 

Trotz allem  es ist ein energieintensives Ringen, das da stattfindet, wenn der Wunsch nach Ordnung mit dem Unerwarteten in die Arena steigt. Die ordnende Sortierarbeit generiert nichts Neues, aber sie kann es auch nicht verhindern. Jenen Moment, in dem das Unerwartete aus dem Kästchen springt und die sorgfältig aufgeschichteten Zettel durch die Luft flattern. Es beginnt wieder von vorn, das Sortieren, mit neuen und den alten Zetteln, noch mehr Material, noch ein Versuch einer neuen Reihung.

... Bis es nicht mehr eine unüberschaubare Anzahl zu sortierender Zettel, sondern „eins“ ist. Das Schwungrad nur noch mit der Kraft ausschwingt, die vorher aufgewendet wurde, um das Pendel in Bewegung zu halten. Endlich hat es  einen unwiderruflich soweit von der Startposition wegkatapultiert, so dass SIE sich  erschöpft, aber glücklich nun gegenüberstehen können: das Bewusste und das Unbewusste, das Sortieren und das Durcheinander, das Handwerk und der Funkenflug.

Es ist ein ehrlich erarbeitetes und genauso ehrlich erfühltes Kohärenzerleben, das sich im Schreibprozess im Idealfall glücklich abrundet. Die eigenen Akkus werden blitzartig aufgeladen, allein durch das gute Gefühl, wie auch immer es diesmal wieder gelungen ist, schreibend über sich selbst hinausgewachsen zu sein. Bis zum nächsten Mal...

Bildnachweis: © William Berry - Fotolia.com


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Kreativität … ist eine schöpferische Kraft – und sie benötigtKraft. Ein Spaziergang im Zwischenraum.

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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