Im sportlichen Wettkampf hat man es ständig vor Augen: das Ziel. Je nach Disziplin geht es darum schneller als die anderen zu laufen, zu fahren, zu schwimmen, höher zu springen, weiter zu werfen etc. Um Bestmöglichstes zu erreichen, wird im Vorfeld intensiv und kontinuierlich trainiert, die Technik verfeinert, körperliche und mentale Fitness gestärkt oder auch die erforderliche Ausrüstung optimiert. Das Ziel ist eine klare Angelegenheit, dessen Erreichen sich in Zeit, Metern oder an der Perfektion der Ausführung messen lässt.

Was im Sport funktioniert, gilt ebenso für den Business-Alltag: Ziele sollten klar definiert sein, damit sie sich erfolgreich umsetzen lassen. Ich sollte also ziemlich genau wissen, was und wie ich etwas tun will, bis wann und was ich dafür an Unterstützung oder Ressourcen benötige. Klingt auf den ersten Blick wenig überraschend, sogar nach Selbstverständlichkeit?

In der Praxis sieht das allerdings oft so aus: Die Solo-Unternehmerin oder der Solo-Unternehmer ist hoch motiviert, sprüht nur so vor Tatkraft und möchte jetzt auf der Stelle sofort losstarten. Womit? Mit diesen vielen richtig guten Ideen... Die Frage nach den Zielen wird in dieser Phase äußerster Euphorie nicht selten mit dem Schlachtruf: „Ich mach jetzt einfach mal“, übertönt. Es soll endlich losgehen – aber wohin genau eigentlich? Egal, das wird sich unterwegs ergeben.

Ich mach jetzt einfach mal wird damit zum Startschuss für ein kräfteverschleißendes Draufloswursteln. Denn Motivation IRGENDETWAS zu tun, ist zunächst im Überfluss da und damit steigt auch der selbst gesetzte Erfolgsdruck. Aus dieser spannungsreichen Kombination erwächst kein planvolles Handeln, sondern, wie es Dietrich Dörner in "Logik des Mißlingens" so treffend beschreibt, ein SUCHEN nach Aufgaben: Was kann ich JETZT tun?  Dieses Vorgehen ist nicht zuletzt dem selbst auferlegten Zeitdruck geschuldet, denn sollte es nicht sofort losgehen? Also widmet man sich Dingen, die einem (fachlich) vertraut sind oder macht das, was gerade ins Auge springt. So hangelt man sich von Aufgabe zu Aufgabe, Problem zu Problem, ohne zu wissen: Wo sind meine Prioritäten, was ist genau zu tun, was ist richtig, was falsch? Die anfängliche Unsicherheit wird dabei nicht kleiner, ganz im Gegenteil, sie nimmt kontinuierlich zu – bis man sich völlig im Irrgarten der selbst gesuchten Aufgaben und daraus entstandener Probleme verrannt hat. Ohne klare Ziele zu starten bedeutet, viel Zeit damit zu verplempern, irgendetwas zu tun, nur um sich selbst zu beweisen, dass man (überhaupt noch) handlungsfähig ist.

Gehören auch Sie zur gar nicht so kleinen Fraktion derjenigen, die mit Leichtigkeit viele Ideen entwickeln, aber die sich schwer tun, für sich und ihr Unternehmen daraus positive Visionen abzuleiten? Gute Ideen jedoch brauchen eine klare Richtung. Ideen beinhalten zwar ein WIE z. B. wie etwas sein, aussehen, sich entwickeln könnte, jedoch kein: WIE setze ich das um? Genau diesen Rahmen bietet die (Unternehmens-)Vision, klare Ziele sind das ausführende Handwerkszeug dazu.  

  • Ein klares Ziel definiert einen Endpunkt oder einen angestrebten Zustand. Das heißt: Es ist irgendwann Schluss, ich weiß, wann ich aufhören kann.

  • Ein Ziel muss, damit es klar werden kann, in seiner ganzen Komplexität erfasst werden. Welche einzelnen Schritte sind notwendig, um vom Ausgangspunkt im Ziel anzukommen? Welche Probleme verbergen sich  eventuell noch hinter dem ursprünglich „einen“ Ziel? So können, wenn das Ziel in seine Einzelteile zerlegt wird, aus ursprünglich einem Ziel, mehrere (Teil-)Ziele werden. Was lässt sich davon lösen und was (noch) nicht?

  • Klare Ziele unterstützen beim Aufbruch in neues, noch wenig bekanntes Terrain. Durch das feine Zergliedern in Einzelkomponenten gewinnt man darüber hinaus ein Gefühl für Zusammenhänge und Wechselwirkungen. 

Ideen sind keine Ziele. Eine Idee ist ein (gewitzter, innovativer...) Gedanke. Sie ist ein Produkt der Phantasie, das sich zunächst an nichts anderem messen lassen muss, als der eigenen Vorstellungskraft. Eine Idee besitzt keine festgelegte Richtung, sie zielt auf nichts Bestimmtes, auch nicht auf die eigene Realisierung. Die Definition klarer Ziele bringt jedoch die Realität mit ins Spiel und das verspricht auf den ersten Blick nicht halb so viel Spaß, wie um die eigenen Phantasie und ein „Was wäre, wenn...“ zu kreisen.

Sich klare Ziele zu setzen bedeutet, die eigene Idee an der Realität zu messen. Ohne Zielsetzung umgeht man diese Messbarkeit und kann damit scheinbar auch nicht scheitern. Ziele zu setzen heißt auch, mit Dingen in Berührung zu kommen, von denen man zu wissen glaubt, dass diese einem partout nicht liegen wie z.B. Vermarktung, das Kontakte knüpfen zu neuen Personengruppen, sichtbarer werden als Person und UnternehmerIn. Sich klare Ziele zu setzen kann auch zur Folge haben, mit eigenem Nicht-Wissen, den Grenzen fachlichen Know-Hows’ konfrontiert zu werden.

  • Wie müsste Ihre Rutschbahn aussehen, um vom Ideen-Modus in den Ziele-Modus wechseln und auf Spur bleiben zu können? Z.B. indem Sie sich Hilfe holen für die Schritte, die Ihnen zunächst schwer fallen? Oder indem Sie gemeinsam mit anderen den gesamten Prozess von Zielfindung, der schrittweisen Umsetzung bis zum Ziel planen und auch bei der Durchführung immer wieder Ihre Erfahrungen mit anderen teilen?

  • Aber auch: Was ist Ihr Vorteil oder Gewinn, sich bewusst keinem klaren Ziel zu verpflichten, sondern weiter so vorzugehen, wie bisher?

Bildnachweis: (c) Igor Yaruta - Fotolia.com

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Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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Kommentar von Laya Kirsten Commenda

Liebe Wortfreundin,
danke für die Abgrenzung "Ideen sind keine Ziele"! Klingt völlig selbstverständlich, bei genauerem Hinschauen merke ich aber, dass ich so manche Idee schon für ein SMARTES Ziel gehalten habe ...
Vergangene Woche war ich beim Kick-off-Meeting für eine neue Intervisionsgruppe. Interessant war, dass die anwesenden Solo-UnternehmerInnen ganz unterschiedliche Herangehensweisen hatten. Manche sagten, sie würden einfach schauen, was kommen und entstehen mag. Bewusste Ziellosigkeit also - scheint bei ihnen aber durchaus zu funktionieren!

Ich persönlich fühle mich mit klar definierten Zielen wohler - und hoffe, ich bin geschmeidig genug, die Richtung zu ändern oder Möglichkeiten wahrzunehmen, die mir auf dem Weg begegnen.
Und was gibt es Schöneres, als schwungvolle Häkchen auf der Ziele-Liste zu verteilen! Gerade gestern habe ich meinen GOAL CHECK 2013 gemacht - und bin zufrieden. Tut gut, auf das zu schauen, was schon geschafft ist, und nicht immer nur auf das, was ich noch schaffen muss/möchte.

Hast du denn auch einen Tipp, wie man konstruktiv mit NICHT erreichten Zielen umgehen kann?

Danke und herzliche Grüße
Laya Kirsten

Antwort von Annette Jäckel

Hallo liebe Kirsten,

schwungvolle Häkchen auf der Ziele-Liste verteilen: Das klingt nicht nur sportlich, sondern auch nach Spaß, dies gefällt mir!

Deine Erfahrungen aus der Intervisionsgruppe in spe und dem "Dinge auf sich zukommen und entstehen lassen": Genau so kann/soll auch Neues beginnen, es muss nicht immer gleich der große Zielentwurf bereits vorbereitet in der Schublade liegen. Doch auch bei Dingen, die langsam entstehen, kommt irgendwann der Punkt, wo sie mehr Raum einfordern. Dann ist es gut, für sich selbst klar zu haben: Will ich das? Passt das, was da heranwächst zu mir und meinem Unternehmen? Welche Impulse will ich setzen, die bisher noch nicht automatisch miteingeflossen sind? Und da sind sie dann wieder sehr nützlich, die klaren Ziele...

Konstruktiver Umgang mit Nicht-erreichten-Zielen: Ich würde hier zunächst das "Nicht" streichen und schauen, was ich stattdessen gemacht oder erfahren habe. Denn auch wenn ich das ursprünglich formulierte Ziel erst einmal nicht schwungvoll abhaken konnte, habe ich ja etwas getan. Kann ich auch mit dem zufrieden sein, was alternativ bei meinem Tun herausgekommen ist bzw. damit weiterarbeiten und auf diesem Unterbau mein "altes" Ziel neu formulieren? 
Ein anderer probater Weg ist der, nach dem (verstecken) Gewinn zu fragen, der für mich darin liegt, wenn ich dieses Ziel erreiche und - wenn ich es nicht erreiche? Damit lege ich meine Motivation oder das, was mich eventuell hemmt, besser frei, auch eine gute Weiter-Arbeitsgrundlage.
Und, was mit jedem Ziel verbunden ist: Es gibt keine Garantie, dass ich dies im ersten Anlauf erreiche, trotz bester Planung sind nicht alle Faktoren zu meinen Gunsten beeinflussbar, auch Planung schützt nicht vor Fehlern ... Gut durchatmen, nicht im stillen Kämmerlein verzagen, sondern Sportsgeist beweisen und weitermachen - es muss ja nicht gleich wieder dasselbe Ziel auf TOP 1 der Agenda landen.

Herzliche Grüße, Annette

 

 

 

 

Kommentar von Eigenbrot

Liebe Annette!

Vielen Dank für deinen wertvollen Beitrag. Ich stelle das Phänomen des Haftenbleibens in den Ideen natürlich auch bei mir, vor allem aber bei vielen Mitt-ZwanzigerInnen fest. Du gibst mir endlich Worte dafür, und dein Artikel ist ein Aha-Erlebnis für mich.

Anstatt eine Idee aufzugreifen und ein Ziel daraus zu machen, das man verfolgt, beschränken sich einige dieser mir bekannten Menschen auf das Lamentieren, dass man so viele Ideen hat und sich lieber auf nichts festlegt damit dadurch kein anderer Weg verbaut werden könnte.

Im Endeffekt machen sie nichts. Maximal Aushilfsjobs, sofern der Geldhahn der Eltern mal versiegt oder das Arbeitlosengeld ausläuft. Ausbildungen werden begonnen und ebensoschnell wieder beendet, die Realität kann einfach nicht mithalten mit dem wunderbaren Ideenkosmos im Gehirn, die Frustrationstoleranz ist gleich Null.

Irgendwann wird fast nur noch die Freizeit kultiviert und auf die (spießige) Gesellschaft geschimpft. Dass man kein Geld hat, daran ist auch die Gesellschaft schuld. Eines ist Ihnen gemeinsam - im Kopf wissen Sie, dass sie genial sind. Wegen der vielen Ideen. In der Realität aber führen sie ein sehr unbefriedigendes Leben, das ihren Talenten nicht gerecht wird und sie in andere, z.B. finanzielle Abhängikeiten führt.

So stelle ich mir die Frage: wie kann diese "Rutschbahn" aussehen? Wie kann die Multi-Optionalität positiv genützt werden, anstatt damit die eigene Planlosigkeit zu rechtfertigen? Vielleicht ist es die Integration des Scheiterns als produktive Kraft, die einen trotzdem oder noch viel mehr vorantreiben kann?

Ich würde meinen Kindern jedenfalls gern vermitteln, dass es viel erfüllender ist, seinen Weg zu gehen, als ihn sich nur auszudenken. Und dass die vielen phantastischen Ideen das Sahnehäubchen sind, stets bereit in die Tat umgesetzt zu werden, ...oder eben eine schöne Phantasie zu bleiben – denn ich bin überzeugt, dass Träume ebenso unser Leben beeinflussen, selbst wenn sie in der Form nicht verwirklicht werden.

Wenn ich mir also abschließend was wünschen dürfte, dann wär das ein "Schubsomat" für Große und Kleine, der den richtigen Schubs zur rechten Zeit gibt, um sich auf das Abenteuer Leben einzulassen. :-)

Alles Gute für dich und die Wortfreundin!
Birgitt

Antwort von Annette Jäckel

Hallo liebe Birgitt,

herzlichen Dank für Deinen äußerst schwung- wie inhaltsvollen Beitrag - warum bist Du für Deine KundInnen eigentlich nur Grafik-Meisterin und nicht auch Worte-Finderin?

Ich finde es ungeheuer spannend, dass Du dieses hartnäckige Steckenbleiben im eigenen Ideen-Kosmos einer Altersgruppe zuordnen kannst. Aber wenn ich mich an meine Studienzeit zurückerinnere, dann bin ich in diesem Alter auch sehr viel um mich selbst gekreist. Geerdet haben mich damals meine Nebenjobs, die häufig sehr klar gemacht haben: Du bist nicht das einzig denkende Wesen im Kosmos, da gibt es sehr viel Anderes und Interessanteres als Dich. In Deutschland gibt es, den wie ich finde, sehr treffenden Begriff des "Herumdaddelns" für dieses Herumlavieren, bei dem nur eines sicher ist: Es kommt nichts dabei rum - außer dem, dass man sich noch fester einpuppt in seinem Genialitäts-und-Unverstanden-Sein-Kokon. Ein bisschen, in meinen Augen, ist es derzeit eine Modeerscheinung, dieses Herumdaddeln als "Angst vor dem Erfolg" zu analysieren. Ja, das gibt es auch, dieses sich Nicht-Festlegen-Wollen, weil ja mal etwas klappen könnte und auch das will ausgehalten und bewältigt werden. Meiner Beobachtung nach geht es aber meistens darum, dass man in seiner hübschen Luftblase bleiben möchte. Der Luftblase, in der niemand besser, klüger und schöner ist als man selbst. Drumherum: Alle doof, außer Mutti...

Die Idee Deines Anschubsomaten lassen bei mir als eingefleischter Bastlerin natürlich die Finger kribbeln - derzeit gerade in der Pipeline ist jedoch die "Stimmungsuhr", ein manuell zu bedienendes Wunderwerk, auf das die Welt, da bin ich sicher, nur gewartet hat. Aber dann wäre Ideen-Luft für das "Schubsen"...

Herzliche Grüße schräg über die Häuserzeile,

Annette

Kommentar von Eigenbrot

Liebe Annette,

vielen Dank für deine Antwort! In mancher Hinsicht bin ich beruhigt, denn aus dir ist ja trotz Herumdaddeln am Ende eine bewundernswerte Wortfreundin geworden :-) Das professionelle Worte-Finden überlasse ich jedenfalls lieber Profis wie dir.
Und - reservier mir bitte den ersten Anschubsomaten!

Liebe Grüße zurück,
Birgitt

Kommentar von inspirio

Und ich melde mich schon mal freiwillig als Stimmungsuhrentesterin! Wenn schon nicht die ganze Welt - ich warte seit langem auf so ein Wunderwerk!