Symbolbild Eigentliche Gründe

Das ZEIT-Magazin vorletzter Woche widmete seinen Themenschwerpunkt dem Scheitern. Tenor:  Scheitern sei, beim nächsten Versuch, weniger die hoffnungsvolle Chance auf ein „fail better“, als die Chance auf ein Lernen in eigener Sache: WIE handle ich – und WAS geschieht rundherum?

Aus der Praxis
Es muss nicht der „große“ Kontext des Scheiterns sein, der Solo-Selbstständige in die Beratung oder ins Coaching führt, sondern zumeist bestimmen „kleinere“ Dinge, die nicht zufriedenstellend funktioniert haben, die Tagesordnung.  Und dabei fällt meist früher als später folgender Satz:  „Der eigentliche Grund, warum ich das mit der Werbung/Marketing/PR… nicht hinbekommen habe, ist der …“  Das ist man sich schließlich schuldig, wenn etwas nicht funktioniert hat, eigenständig eine faktenorientierte Fehleranalyse durchzuziehen, an deren Ende ein ebenso schonungsloses und damit automatisch unanfechtbar wahres Fazit aufpoppt. Problem erkannt – und schon gebannt. Was kommt als nächstes?

Erst mal vermutlich wieder ein alter Bekannter – und zwar jenes Hindernis bzw. das, was man doch durch die vermeintlich konsequente Fehleranalyse als erfolgreich gelöst abgehakt und von der Agenda runtergeschubst hat. Ziemlich gemein, dass das eigene Bemühen des Lernens aus Fehlern oftmals nicht im zweiten Anlauf die verdient reichere Ernte garantiert. Begrenzter Erfahrungs- + Handlungshorizont und damit limitierte Reflexionsfähigkeit: So erzeugt man selbstständig wie unfreiwillig jene blinde Flecken, die zuweilen genau das Wissen verbergen, welches ausschlaggebend für ein „besser“ gewesen wäre.

 

  • Raus aus der Kreisbewegung
    Gegen uneigentliche und eigentliche Gründe ist erst einmal überhaupt nichts einzuwenden. Sie sind probate Anstrengungen, um unter eine verfahrene, erfolglose, missliche… Situation einen resümierenden Schlussstrich zu ziehen.  Ein Lösungsversuch also, den es zu würdigen und keinesfalls abzuwerten gilt – der jedoch mit dem Auslöser, dem Nicht-Funktionieren, allerdings immer noch zu viel gemein hat, als dass man sich so erfolgreich neue Wege ebnen kann. Denn die Formulierung „Das hat nicht funktioniert, … weil…“ legt das dahintersteckende Gedankenkonstrukt offen: aus A folgt B. Es wird also eine Kausalbeziehung hergestellt, so als ob es gelungen wäre, ganz ohne blinde Flecken des eigenen Erfahrungshorizonts, tatsächlich ALLES Relevante zu überdenken und zu berücksichtigen. Bei diesem Kausalitätsdenken bleibt man im identen gedanklichen Kontext. Der Lösungsversuch ist also nach demselben Muster gestrickt wie das Nicht-Funktionieren.  Damit hat man also beides miteinander verkoppelt: will man den Lösungsversuch, bekommt man das andere, das Nicht-Funktionieren, frei Haus mitgeliefert.

  • Erfolgskriterien definieren
    Was soll anders sein, was ist für den jeweiligen Kunden/die Kundin die projektbezogene Zielsetzung für Marketing/PR? An welchen Erfolgsfaktoren lässt sich messen, dass das Ziel erreicht wurde? Mit diesen Fragestellungen verlässt man sehr elegant die Ebene des Nicht-Funktionierens, ohne jedoch in einen planlosen Zustand der Ignoranz all dessen, was bereits an Erfahrungen da ist, hineinzurutschen. Gleichzeitig verleihen die Fragestellungen frische Handlungsfähigkeit. Eine weitere Suche nach Gründen und eigentlichen Gründen spielt jetzt keine Rolle mehr. Vielmehr lässt sich ein schlüssig strukturiertes Gesamtgebilde entwickeln, bei dem die Wechselwirkungen untereinander im Vordergrund stehen. Wenn ich  mir Ziel x setze, was bedeutet das für die Umsetzung von Maßnahme y und welche Auswirkungen hat das auf Projekt z? Indem man weniger auf Kausalitäten und mehr auf Rückkopplungen setzt, ergeben sich so neue Möglichkeiten der Steuerung: An welchen Rädchen muss ich drehen, damit ich meine Zielsetzung erreiche?

  • Tänzerische Suchbewegung
    Sich auf neue Ebenen zu wagen, neue Denkmuster zuzulassen, bringt Bewegung: ins eigene Fühlen und Handeln.  Zu früh nach Lösungen zu suchen, kann unter Umständen das Problem nicht nur nicht lösen, sondern zur Dauerbaustelle werden lassen. Im Möglichkeitsraum der Beratung wird das Terrain versuchsweise neu abgesteckt: Was will man (mal wieder/endlich) schnellstmöglichst optimieren, jedoch womöglich unter geschickter Umgehung wichtiger Basics? Sich an sich selbst nicht vorbeischummeln und etwas über die Strukturmechanismen des eigenen Verhaltens erkennen zu wollen, sind beste Voraussetzungen, um Wesentliches zu lernen, ganz im Sinne der Zeit-Titelgeschichte: WIE handele ich – und WAS geschieht rundherum?

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Beim nächsten Mal wird alles besser. Aller gemachten Erfahrung und guten Vorsätze zum Trotz: Häufig werden gerade NICHT die besseren Lösungen umgesetzt. Ist das „eben einfach so“ oder geht es auch anders?

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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