Symbolbild Wort-Witterung aufnehmen

Im Gefühl ist eigentlich ziemlich klar, welche atmosphärischen Schwingungen im Text zum Ausdruck kommen sollen. Im Gefühl ist er gut spürbar, der Kern, der das gelungene Endergebnis ausmacht. Umgeformt in Text verpufft sie allerdings, diese doch scheinbar unbezwingbare Magie. Mit wachsender Verzweiflung und steigender Zeitintensität sinkt zugleich der Mut, jemals wieder annehmbares Text-Land in Sicht zu bekommen.

Nachfolgend 5 Ideen, um wieder gut im Text anzukommen:

 

1. Nicht schreiben – sondern sprechen

Heinrich von Kleist schrieb vor mehr als 200 Jahren seinen Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Er gibt darin den klugen Rat: Kommt man trotz intensiven Nachdenkens nicht dahin, wo man gerne hin möchte, dann schnappe man sich einen Bekannten, eine Freundin... und erzähle. Erzählt davon, was einen gerade beschäftigt, was man sich bereits überlegt und aus welchen Gründen man dies wieder verworfen hat. Man redet DARÜBER. Damit zieht man zugleich immer engere Kreise in Richtung dieses bisher nur gefühlten Wissens. Eines Wissens, das sich erst im Austausch mit einem Gegenüber irgendwann auch in brauchbare Worte fassen lässt.

 

2. Schöpfen aus bereits Vorhandenem

Da ist einerseits der Wunsch, was der Text zum Ausdruck bringen soll und andererseits  die Wirklichkeit dessen, was bereits da ist. Das Feld, das sich in diesem Zwischenraum öffnet, lädt dazu ein, sich darin zu bewegen, statt an dem einen Pol („mir fehlen die Worte“) oder am anderem Ende („das trifft es einfach nicht“) frustriert kleben zu bleiben. In der Bewegung verliert auch der lähmende Anspruch an Bedeutung, einen „Geniestreich aus dem Nichts“ schaffen zu müssen. Denn bei dem, was da ist, lohnt auch immer ein Blick auf die Arbeit anderer. Es geht um ein solides Abklopfen der vorhandenen Fülle: Was ist das als genial, als bewunderungswürdig Empfundene an diesen fremden Arbeiten und der Art darüber zu schreiben? Was davon hätte man selbst gern? Mit der zweiten Frage wendet man sich bereits erneut zum Pol des „Wünschens“: indem man sich einerseits öffnet für das, was außen bereits vorhanden ist, um andererseits wiederum sehr bewusst in sich hineinzuhören. Was ist für einen selbst brauchbar von dem, was andere bereits geschaffen haben? Dieses Brauchbare sich selbst anzueignen gelingt, indem man dies in Bezug zu den eigenen Talenten und Geschichten setzt. Welche passenden Worte lassen sich für diese neue Verbindung finden?

Zum „locker machen“ empfiehlt sich auch die Aufzeichnung des TED Talks mit Autorin Elizabeth Gilbert anzuschauen und was sie zum Thema „Genie“ zu sagen hat. 

 

3. Sich größer schreiben

Gerade bei Texten, in denen eigene Angebote oder Dienstleistungen prominent und appetitlich in den Vordergrund gestellt werden, kann man sich den Kopf an engen Vorstellungsgrenzen stoßen. Sicher, da gibt es diese Ideen, was man alles noch so gerne täte und auch wäre, aber spielt das jetzt für diesen Text eine Rolle? Doch, das tut es. Indem man sich selbst nicht in der Fülle aller Möglichkeiten, der bisher gelebten und der noch nicht erlebten, wahrnimmt, verlieren auch die eigenen Worte an Strahlkraft. Was würde sich im Text, beim Schreiben verändern, wenn man von einer anderen Position aus nach Worten sucht? Einer Position, in der man eine gute Balance gefunden hat zwischen dem, wie man jetzt ist und dem, was man noch alles sein könnte?

 

4. Im Text frei schwimmen

Divergentes Denken nannte es Kreativitätsforscher Joy Paul Guilford. Damit meinte er nicht kausal und vor allen Dingen nicht mit Blickrichtung auf ein einziges mögliches Ergebnis oder Ziel hin zu denken. Stattdessen zeichnet sich divergentes Denken durch Sprunghaftigkeit, Assoziationskraft, Mehrwegigkeit und Kombinationsfähigkeit aus. Es  ist also erlaubt, einfach vor sich hin denken zu dürfen. Ohne, dass man sofort in Sorge darüber verfallen müsste, es könne nicht gut genug sein, lenkt man die eigenen Gedanken zu wenig in die vorgegebene Bahn. Man drückt also nicht sofort weg, was ungeplant auftaucht. Stattdessen paddelt man entspannt weiter und hält Ausschau nach dem, was sonst noch an die Oberfläche trudeln mag. Erst dann packt man den Kescher aus und fischt ab, womit man sich intensiver beschäftigen will.

 

5. Den Text von Erwartungen entfrachten

Die Erwartungen an einen Text können nicht groß genug sein – denn wozu sonst all die eigenen Mühen und die derer, welche dies anschließend mit Gewinn lesen sollen? Doch zu hoch gesetzte Erwartungen können das genaue Gegenteil zum Leben erwecken. Deshalb: Unbedingt entspannt bleiben in Bezug auf die eigenen Zielsetzungen. Strebt man verbissen nach DEM Text aller Texte, dem Ergebnis, das endlich das Ruder in allen Lebensbereichen herumreißen soll, so vertreibt man genau das, was man eigentlich erreichen möchte: einen funkensprühenden, einen aus dem Herzen sprechenden Text zu schreiben.

Bildnachweis: www.wortfreundin.com

 

Wenn Ihnen dieser Beitrag der Wortfreundin gefallen hat, wie wäre es dann damit?
Was ist Ihre "Klangfarbe"?: Früher oder später wird jede(r) Solo-Selbstständige davon herausgefordert, den eigenen Kompetenzen / Business-Angeboten eine Form zu geben. Soll heißen, nach außen als UnternehmerIn gut sichtbar und (be)greifbar zu werden. Drei Lockerungsübungen. 

Diesen Beitrag als Podcast anhören

Der Podcast zum Download als mp3

Wort-Witterung aufnehmen (3,4 MiB)

Sie möchten die Blog-Beiträge der Wortfreundin abonnieren?

via E-Mail

Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
Kontakt E-Mail: info(at)wortfreundin.com

Kommentar verfassen