Symbolbild Schreiben von Außen nach Innen, Teil 1

Die Ausgangssituation:
Das Thema ist da, Sie sitzen tatendurstig am Schreibtisch, kommen aber über ein paar erste Sätze und das reflexhafte Betätigen der Delete-Taste nicht hinaus? Dann kann nachfolgendes Klettergerüst helfen, dass die Buchstaben bleiben wollen.

Gerüstelement a
Anfang / Mitte / Schluss – die Struktur.

Wie sieht es mit diesem Gerüstelement bei Ihrem aktuellen Text aus? Existiert genügend Buchstaben-Material für

Anfang = Von wo aus startet ihr Thema, mit welchem Gedanken, welcher Grundidee, Frage, Behauptung? Was gehört unmittelbar zu diesem ersten Gedanken etc. dazu, um das Thema des Textes /Ihr Anliegen verstehen und erfassen zu können?
Mitte = ausführliche inhaltliche Füllung Ihres Themas, wie z.B. Pro / Contra-Argumente, Zusammenfassung einer Diskussion, Schritt für Schritt Anleitung, Praxiserfahrungen etc.
Schluss = Was ist der „Landeplatz“ Ihres Themas?

Anwendung:
Kritzeln Sie bitte (handschriftlich/digital) eine hübsche dreispaltige Tabelle. Bitte tragen Sie jeweils in die passende Spalte (ohne Reihenfolge) Ihre bisher gesammelten Gedanken, Stichworte, Formulierungen, Zitate etc. zu Anfang/ Mitte / Schluss ein.

Ergebnis 1: Eine Spalte lässt sich nur mühsam bis gar nicht füllen? Oder wirkt das Aufgeschriebene insgesamt noch ein wenig buchstabenarm? Recherche ist das probate Hilfsmittel. Lassen Sie sich dort, wo noch Buchstaben fehlen, von Anderen inspirieren, um Ihre eigenen Gedanken wieder in Schwung und den Spaß in Ihren Text zurück zu bringen. Für den Anfang kann z.B. ein Zitat aus einer Sammlung eine nette Anregung sein oder Sie platzieren eine etablierte Wortkombination in einem völlig neuen Zusammenhang, vielleicht funktioniert ja auch ein Wortspiel? Für die Mitte hilft ebenfalls ein Blick hinüber zum Archiv. Welche VordenkerInnen Ihres Themas finden Sie gut und weshalb? Gibt es eine Idee, einen Ansatz, der Sie besonders anspricht – oder ganz im Gegenteil, eine Aussage, die Ihren sofortigen Widerspruch auslöst? Dann ist es interessant, hier erneut intensiver zu graben. Für den Schluss-Teil starten Sie einen „Rundflug“ über die Notizen der Anfangs- und Mittelspalte. Wie soll das Ende der Textreise aussehen, was ist eine stimmige Flugbahn: Ein Rundflug, sprich, Sie kommen am Ende des Schreibens wieder am Anfang an? Oder wollen Sie die Lesenden von einem Ausgangspunkt zu einem neuen Ziel bringen? Hier zählen Ihre Gedanken und Ideen, die Sie schnell und unzensiert in die letzte Spalte schreiben. Dann, eine kurze Pause machen und noch mal die Flugroute überprüfen. Ist dieses Ziel IHR Ziel?

Ergebnis 2: alle drei Spalten sind zufriedenstellend mit Inhalt gefüllt? Dann geht es weiter zu...

 

Gerüstelement b
Verbindungsketten überprüfen – der Zusammenhang

In welcher Reihenfolge lassen sich die von Ihnen gesammelten Stichworte, Gedanken etc. sinnvoll ordnen?

Anwendung:
Gehen Sie bitte spaltenweise vor und versuchen, die von Ihnen gehobenen Schätze zunächst innerhalb ihrer Einheiten (Anfang / Mitte / Schluss) in eine Reihenfolge zu bringen und anschließend die Einheiten miteinander zu verbinden. Welcher Gedanke gehört an den Beginn, was hängt unmittelbar mit diesem ersten Gedanken zusammen? Was baut darauf sinnvoll auf? Passt noch etwas anderes in die „Gedanken-Zwischenräume“ oder sind diese bereits überfüllt und der ein oder andere Gedanke sollte wieder umgeschichtet werden? Nachdem Sie zuvor gründlich recherchiert haben, können Sie sehr entspannt an die Arbeit gehen: Es ist alles da, was Sie brauchen und auch einiges, was Sie (noch) nicht benötigen. Gestalten Sie sich diesen Arbeitsschritt unbedingt so, dass Ihnen die Umsetzung leicht fällt. Also so, dass Sie schnell (auf dem Papier / oder am PC) und mit Spaß diese neuen Verbindungen knüpfen und ggfls. auch wieder lösen sowie neu platzieren können und, dass Gedanken, die (zunächst) keinen Platz finden, erst einmal zur Seite geschoben werden können, ohne unnötig Ihren Arbeitsfluss ins Stocken zu bringen, aber auch ohne, dass Sie Angst bekommen, den Überblick zu verlieren.

Wenn Sie abschließend auf Ihre so entstandene Verbindungskette schauen: Fügen sich die Gedanken etc. organisch aneinander oder holpert es noch an mancher Stelle? Haben Sie einen Lieblingsgedanken, der mehrfach, nur in unterschiedlichsten Verkleidungen, auftaucht? Gibt es eine Formulierung, die nur deshalb im Text untergebracht werden soll, weil Sie sie für besonders klug oder gelungen halten?

 

Gerüstelement c
am inneren Zensor vorbei – den eigenen Textrhythmus finden

Was fehlt noch, um mit dem Schreiben jetzt gleich beginnen zu können?

Anwendung:
Planen Sie einen Text zu einem Ihnen noch wenig vertrautes Thema oder ist die Zielgruppe neu für Sie, dann kann es passieren, dass allem Wissen über Struktur und Aufbau Ihres Textes zum Trotz, dennoch kein Wort, das Sie schreiben, gut genug für Ihren inneren Zensor ist. In diesem Fall schreiben Sie einfach – und zwar wörtlich genommen. Ohne Fremdworte, ohne Satzverschraubungen, ohne komplexe Gedankenverschachtelungen. Sie schreiben einfach, auch wenn Ihre Formulierungen den eigentlichen Aussage-Kern erst einmal nur umkreisen – und zwar schreiben Sie entlang Ihrer Verbindungskette. Sie schreiben vorwärts und schauen nicht auf bereits Geschriebenes zurück. Das tun Sie erst, wenn alles, was Sie sich vorgenommen haben, auch in Ihrem geplanten Text seinen Platz gefunden hat. Der innere Zensor kann währenddessen jammern so viel er mag, er sagt Ihnen nichts Neues, denn Sie wissen ja, dass Sie es eigentlich viel besser können, aber jetzt gerade NICHT WOLLEN. Der innere Zensor ist eigentlich eine gute Instanz. Allerdings eine PRÜF-Instanz. Das heißt, er hilft dabei etwas zu kontrollieren, was schon da ist. Für Dinge, die, langsam voran- und wieder zurücktastend, erst entstehen sollen, ist sein Instrumentarium zu grob, das Ergebnis: Er wird zum Verhinderer. Haben Sie Ihren ersten Rohentwurf fertig gestellt, dann lassen Sie ihn wieder mitarbeiten, den inneren Zensor. Denn jetzt kann er endlich seine Prüf-Qualitäten voll ausspielen und das ohne großen Kraftaufwand, denn Sie stemmen sich ja nicht mehr dagegen.

Ob es für Sie hilfreich ist, sich eine Uhr zu stellen, um die erste Rohfassung Ihres Textes erstellen zu können, welche Pausenplanung Sie einhalten sollten... All das sind Erfahrungswerte, die jede und jeder für sich individuell sammeln muss. Es kann erleichternd sein zu wissen, dass man in x-Minuten wieder aus der Textarbeit auftauchen und etwas ganz anderes erledigen kann oder das Gegenteil bewirken und Stress verursachen, indem man den Minuten beim Sekunden-herunter-zählen zuschaut, ohne auch nur einen ausformulierten Satz zustande gebracht zu haben. Wenn für Sie eine aufgeräumte Arbeitsumgebung wichtig ist, dann schaffen Sie sich diese – und schieben nicht nur das Schreibtischchaos um die Zentimeter zur Seite, dass Ihre Notizen irgendwie Platz finden. Orientieren Sie sich an Ihren Bedürfnissen und nicht an dem, was bei anderen offenbar funktioniert hat.

Lesen Sie sich zum Abschluss den fertigen Text laut vor: Wo fließt er, wo hüpft er aus der Spur? Wo kann noch gekürzt werden? Evtl. wollen Sie den Text noch einen Tag liegen lassen? – aber dann: RAUS DAMIT.

Übrigens:
Alles für Schreibende und gelungene Texte gibt es Woche für Woche in Gitte Härters wunderbarem Blog „Schreibnudel“.

Bildnachweis: © alphaspirit - Fotolia.com

Hier geht es zu Teil 2 "Schreiben - von Außen nach Innen": Arbeiten an der Grenze – die Buchstabensuppe.
Hier geht es zu Teil 3 "Schreiben - von Außen nach Innen": Arbeiten im Inneren: im Buchstabennebel.

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Schreiben - von Außen nach Innen 1 (4,8 MiB)

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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