Symbolbild Schreiben ist eine Kunst - Rechnen auch

Ich gebe es zu: Ich habe nicht nur eine kleine oder mittlere Schwäche für „guten Inhalt“. Wenn ich Blogs entdecke, wie vor einigen Tagen diesen (hoffentlich bald wieder aus der selbstverordneten Pause erwachend), dann aktiviert das alle Körper- und Gehirnzellen. Erschwerend kommt hinzu: Als Germanistin bin ich höchst parteiisch, was das Beurteilen und insbesondere das eigene Vermögen des Beurteilen-„Könnens“ der Inhalte betrifft. Tja, und dies ist in Zeiten, in denen „Inhalt“ zu „Content“ gemacht wird, so eine Sache. Drohen Inhalte zukünftig hinter technischen Bauplänen zu verblassen? Zumal sich dieses Vorgehen dadurch legitimiert, hiermit zielgenauigste Kommunikation anno Web X.0 realisieren zu können. Und das finde ich wiederum interessant. Denn die Veränderungen meines Arbeitens, des damit verbundenen, benötigten Wissens, im Vergleich mit dereinst, als die Welt noch eher „unplugged“ war, die bewerte ich als äußerst bereichernd.

Erst mal  musste sich meine literaturwissenschaftliche Seite von der Kränkung erholen, mittels SEO-Optimierung vielleicht dauerhaft nach hinten geschoben zu werden. Doch anschließend habe ich mich für diese kleine Artikelreihe auf die Suche gemacht, nach dem vielbeschworenem „guten Inhalt“ und zwar in Online-Texten: Wie gehen die Beteiligten vor, um „guten Inhalt“ eindeutig zu identifizieren, wie, um diesen zu kreieren? Ich hoffe, Sie haben Kapazitäten frei, um mich auf den einzelnen Etappen zu begleiten.

(1) „...und deshalb sage ich: Das ist ‚guter Inhalt’“.

Ich weiß, wie guter Inhalt funktioniert – sagen die einen.
Denn es ist eine Frage klar messbarer Kriterien: Auswahl und Betitelung des Bildmaterials, Berücksichtigung idealer Textlänge sowie der Haupt- und Neben-Schlüsselwortdichte, Konzeption der Überschrift, pyramidenartiger Textaufbau, ideale Absatz- und Satzlänge, fett gedruckte oder unterstrichene Bereiche,... Parameter um Parameter wird bei SEO-Optimierung sichtbar auf der Oberfläche geschraubt, um dem bereits vorhandenen Textmaterial das Qualitätssiegel „guter Inhalt“ zu verpassen. „Guter Inhalt“, der der Suchmaschine ebenso schmeckt wie den Adressaten, dies ist das Versprechen der SEO-Optimierung. Auf diesem Konstruktionsweg muss allerdings einer mit sich reden lassen: der oder die TexproduzentIn. Diese sind ein Glied in der mehrteiligen Produktionskette. Sie stellen das noch verbesserungsbedürftige Material zur Verfügung. Dann arbeiten sie entweder nach Vorgabe weiter oder ziehen sich zurück. Das Wissen für den Erfolgs-Bauplan haben andere, die schließlich nach Durchsicht der Checkliste sagen können: „Guter Inhalt“.  Ihre Devise: SEO first.

Ich weiß, dass guter Inhalt funktioniert, sagen die anderen.
Denn es ist eine Frage klar fühlbarer Kriterien:
Herz, Persönlichkeit und Humor. Die müssen drin sein. Damit entsteht ein Text, der Freude beim Lesen macht, von Satz Nummer eins bis zum letzten Satzzeichen nicht loslässt. Man weiß, in wessen Auftrag und für wen geschrieben wird, was spannende Themen auszeichnet, welchen Wert sorgfältige Recherche hat, welche Textaufbereitung die beste ist, kennt guten Stil nicht nur vom Hörensagen und ist sich im Klaren darüber, wie ein lesbares Layout aussehen muss. Heraus kommt „guter Inhalt“, erschaffen durch Teams oder einzelne TexterInnen. „Guter Inhalt“ ist das, was TextproduzentInnem zu solchem erklären. Möglich wird das, weil sie gleichermaßen Talent und qualitative Anstrengungen für „guten Inhalt“ in der richtigen Dosierung aktivieren können. Geschrieben wird eindeutig mit Blickrichtung auf die KundInnen. „Guter Inhalt“, aus dieser Beurteilung spricht die Erfahrung. Für DIE Suchmaschine wird auch etwas getan und durchaus mit SEO garniert. Ihre Devise: SEO second oder später.

Beide Konstruktionen eint eine Grundannahme: Die KundInnen suchen im Internet nach für sie nützlichen Antworten. Diese wünschen sie sich in Form von Rat, Service oder Unterhaltung. Das sollen sie auch bekommen, irgendwie. Im ersten Fall unter starkem Einbezug der Erstleserin Suchmaschine.

Beide Konstruktionen funktionieren – für die ProduzentInnen. Das tun sie deshalb, weil sie es sich selbst ermöglichen. Das geht recht einfach: Die Theorie bestätigt die Praxis, damit diese im Gegenzug wieder die Theorie stützen kann. Eigentlich sollte die Praxis die Theorie auf den Prüfstein stellen, passiert hier aber nicht. 

Die Theorie: SEO holt für die LeserInnen das Optimum aus gutem Inhalt heraus. Beziehungsweise: Guter Inhalt trifft die LeserInnen ins Herz.

Wer ist auf der Praxisseite da, um dies zu widerlegen oder zu bestätigen? Die KundInnen. Aber diese geben keine unmittelbaren Antworten auf die Theorie. Sie nehmen den angebotenen Inhalt zur Kenntnis oder nicht. Diese Kenntnisnahme, so jubelt jedoch die Praxis, ist unmissverständliches Zeichen, dass der Inhalt optimal ist oder mitten ins Herz getroffen hat. Weshalb sagt die Praxis das? Weil sie sich an der Theorie orientiert, die damit wiederum, durch diese Bestätigung, einen weiteren Punkt auf der Habenseite verbucht. Dabei kann ein zur Kenntnis nehmen  (like, share...) beispielsweise auch Ergebnis davon sein, dass sich KundInnen aus der Vielzahl des Angebotenen das herausgesucht haben, was in ihren Augen brauchbarer ist als das sonstige Überangebot stromlinienförmig-optimierter oder über-beseelter Inhalte. Brauchbarer, aber keinesfalls ein Optimum oder ein Volltreffer. Eine Kenntnisnahme aus Mangel an besseren Alternativen kann damit beispielsweise nicht ausgeschlossen werden. Dass TextproduzentInnen, in der ihnen bestmöglichen Durchführung, (nach wie vor) nicht das liefern, was sich KundInnen wünschen.

Die Erkenntnis, welche Herangehensweise die mit dem größeren Gütesiegel ist, das muss also noch auf sich warten lassen.

In dieser ersten Etappe gibt es damit noch keine Antworten auf die Frage, wie man „guten Inhalt“ verlässlich kreieren oder identifizieren kann.

Erstes Zwischenfazit: Gleichstand für SEO first wie SEO second.

Bildnachweis: © olly - Fotolia.com

 

Teil 2 von "Schreiben ist eine Kunst - Rechnen auch" finden Sie hier
Teil 3 finden Sie hier
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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
Kontakt E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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