Schreibblockade – wenn das Unbewusste auf Tauchstation geht

Symbolbild Schreibblockade

Ich war verblüfft. Vor mir ein weißes Blatt Papier, in der Hand der Kugelschreiber, neben mir das gelesene Buch, über das ich eine kurze Rezension schreiben wollte – und nichts passierte.

Keine konkrete Idee für einen ersten Satz, für die Mitte oder das Ende des Textes zu haben, das war es nicht, was mich irritierte. Verblüfft war ich über die innere Leere. Kein Gefühl war da, an dem ich, so wie bisher, inspiriert entlang schreiben und erkennen konnte, wann jeder Gedanken an seinem Platz und der Text fertig war. Es fehlte:

  • jenes, zu Beginn noch sehr flüchtige, Erspüren des fertigen Textes, bevor überhaupt der allererste Buchstabe geschrieben ist
  • das vibrierende, energieintensive Gefühl des Verbundenseins mit allem, was um mich herum ist und der eigenen schöpferischen Kraft
  • dem Verdichten des Gefühls im Laufe des Schreibprozesses, begleitet vom beständigen Höherdrehen des Energielevels
  • der Übergang zu einem fließenden Hin- und Herpendeln zwischen Spüren und geschriebenem Wort,
  • bis die letzten losen Fäden und Details zu einem Ganzen verschmelzen.

Nichts.
Nichts.
Nichts.

Das war meine Begegnung mit einer Schreibblockade. Vor 23 Jahren.

Indem Schreiben für mich, von einem Moment auf den anderen, so habe ich es damals empfunden, nicht mehr so selbstverständlich funktionierte wie bisher, musste ich mir etwas überlegen. Ich hatte begonnen zu studieren. An der Uni wurde von mir erwartet kontinuierlich Texte zu produzieren und zeitgerecht abzugeben. Ohne Texte keine Scheine, kein Studienfortschritt, kein Abschluss.

Damals habe ich eine Menge gelernt.

Ich habe gelernt, gewissenhaft und „endlich“ zu recherchieren, mit leserlichen Notizen zu arbeiten, Texte hilfreich zu strukturieren, stümperhaft klingende Sätze/Inhalte trotz Widerwillens erst einmal hinzuschreiben, schreibend zunächst vorwärts zu gehen, mir ein fixes störungsfreies Zeitfenster einzuteilen und meine Schreibpausen ebenso rigoros festzulegen.

Ich habe gelernt, dass eine Schreibblockade etwas Akzeptiertes ist, obwohl der dahinter stehende Zustand ebenso schwer erklärbar wie extern beobachtbar ist. Ich traf auf Menschen, die eine Schreibblockade aus eigener Erfahrung kannten oder sagten, dass sie dies noch nicht erlebt hätten. Aber es gab niemanden der anzweifelte, dass es etwas wie eine Schreibblockade gibt.

Ich habe gelernt, eine Schreibblockade ist für jeden etwas anderes. Während es für manche das Umkreisen des Schreibtischs in konzentrischen Kreisen, das Wegklicken oder physische Weglaufen vor der Textdatei ist, gehören für mich räumliche oder geistige Abseits-Bewegungen zum Schreiben mit dazu. Je nachdem wie viel Zeit ich bis zur Deadline habe, desto geräumiger oder spürbar kleiner fällt bei mir dieses Davonrennen aus.

Ich habe gelernt, wodurch Geschriebenes für mich zu EINEM oder zu MEINEM Text wird. Es ist der Funke, der während des Schreibens vom Text auf mich überspringt und dem Inhalt wie der Form eine Seele gibt. Das, „was in den Katakomben des Großhirns entsteht“ (1). Im kreativen Prozess sind Bewusstsein und Unbewusstsein gleich wichtig: Ich weiß, was ich tue und ich weiß es nicht. Ich suche gezielt, aber ich lasse mich auch finden. Ich forme und ich lasse Dinge sich formen. Aktivität und Passivität wechseln sich ab, bis er auf einmal da ist: der erlösende Quantensprung, das Puzzleteilchen, das EIN zu MEIN macht (2). Es ist immer wieder eine Herausforderung sich treiben zu lassen und nicht ausschließlich bewusst vorhandene Fakten abzuwägen und zu analysieren, sondern darauf zu vertrauen, dass es noch eine andere Instanz in mir gibt, die die Lösung bereits kennt.

Ich habe gelernt, mit der Ungewissheit zu leben: Ob es beim nächsten Mal wieder gelingen und der Funke überspringen wird? Der schöpferische Prozess startet jedes Mal im Beginner-Modus und nicht auf dem  Plateau, das ich beim letzten Mal erreicht habe. Ich muss die anfängliche Leere aushalten, nicht zu wissen, wann und wie sich die Dinge formen, sich auflösen und schlussendlich zueinanderfinden. Schreiben kann ich nun auch „ohne“ diesen Funken, weil mir seit der Erfahrung vor 23 Jahren gutes Handwerkszeug zur Verfügung steht. Glücklicher, allerdings auch erschöpfter, bin ich jedoch immer noch „mit“.

Ich habe gelernt, dass ich immer erst handwerkliche Schritte setzen muss, um während des Schreibens mit mir in „gutem Kontakt“ zu bleiben. Eine grobe Textstruktur muss vom Start weg vorhanden sein. Erst dann darf ich mich inspiriert treiben lassen und schauen, was kommt. Wenn nichts passiert, schraube ich an der Struktur weiter, habe ich vorher keine erarbeitet, fliege ich aus dem Text raus. Der Weg zurück ist äußerst mühsam und zeitaufwendig. Wichtig ist auch, das wieder zur Ruhe kommen, das Herunterfahren meines Energielevels, wenn ein Text seine Form gefunden hat. Bewusst sich am Endergebnis freuen und nicht darüber nachdenken, was als nächstes ansteht. PAUSE.

(1) Zitat aus: Zeit Magazin Nr. 44, Interview mit Physiker Christof Koch, S. 40, 2013.

(2) Begleitet hat mich beim Schreiben ein Buch von Siegfried Essen: Selbstliebe als Lebenskunst. Ein systemisch-spiritueller Übungsweg. Heidelberg 2011, insbesondere der Abschnitt ab S. 131 zur Kreativität hat mich inspiriert. Herzlichen Dank an Eva Gütlinger, die mir dieses Buch empfohlen und geliehen hat. Ich wäre in der Buchhandlung an diesem „Esoterik-Zeugs“ vorbeigegangen.

Dieser Text ist ein Beitrag zur "Blogparade gegen die Schreibblockade“ von Kerstin Hoffmann, PR-Doktor.  Herzlichen Dank an Frau Hoffmann, dass dieses Thema im Blog so viel Platz bekommen darf – und mir den notwendigen Schubs verpasst hat, eine kleine biographische Zeitreise zu unternehmen…

Update: Es gibt bei Kerstin Hoffmann nun ein e-Book mit den gesammelten Beiträgen der Blogparade. Bitte hier entlang.

Bildnachweis: agsandrew - Fotolia.com

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"Schreibend vorwärts spüren": Handwerk sichert das schreiberische Tun auf seiner gesamten Strecke. Der schöpferische Funkenflug hingegen kann seine Kraft bereits vor dem ersten Wort  versprühen oder versteckt sich bis zum finalen Landeanflug. Das ist nicht immer leicht auszuhalten. 

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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Kommentar von Laya Kirsten Commenda

Liebe Annette,

wie erhellend! Du bringst mich dazu, meine eigenen Schreibprozesse zu reflektieren, und - aha! - da kommt Überraschendes zum Vorschein ...
Die konzentrischen Kreise kenne ich auch gut. Obwohl ich mir immer wieder wünsche, ich würde SCHNURSTRACKS auf meine Texte zugehen, gehören sie auch für mich zum Schreibprozess dazu.
Ich überlege gerade, ob ich schon mal eine Schreibblockade hatte... ich denke, zumindest keine, die ich nicht durch Herbeirufen eines meiner Lieblingssätze in Sekundenschnelle auflösen hätte können, nämlich: "Action proceeds Motivation" ;-)
Sollte ich aber doch mal völlig blockiert sein, lass ich mir von deinen Tipps auf die Sprünge helfen!
Liebe Grüße
Laya Kirsten