Symbolbild Raus aus dem kreativen Schneckenhaus

Erst mal läuft alles ziemlich gut.
Man steckt mittendrin im Flow. Die Ideen schlagen Purzelbäume. Endlich gelingt der geniale Brückenschlag von Altbewährtem zu bisher Ungeahntem. Oder man erfindet plötzlich die perfekte Verschraubung zweier bisher unverbundener Konzepte zu einem stimmigen Konstrukt mit überraschenden Möglichkeiten.

Das sind die die überaus inspirierten, die sehr hellen Momente. Doch irgendwann knipst sich der Lichtschalter aus. Und damit schwappt nicht nur ziemlich viel Dunkelheit herein, sondern auch der geschützte Raum, in dem es sich bisher so gut arbeiten ließ: Er ist und bleibt erst einmal verschwunden.

Die eine Erkenntnis des Hinauskatapultiert-Werdens: Man braucht ein gewisses Maß an Sicherheit, um kreativ arbeiten zu können.Diese Sicherheit ermöglicht zum einen, sich der Realität zu entziehen. Zum anderen ist es aber genau dieser „Realitätsentzug“, der erst eine ausgesprochen intensive Verbindung IN die Realität möglich macht, auf dass sich Neues dort hineindenken lässt.

Die andere Erkenntnis: Dieser sehr energievolle Zustand, mit dem sich erst so fließend gut arbeiten ließ, trägt zugleich auch zu dessen abruptem Ende und damit zu seiner Auflösung bei. Das, was raus will aus dem Kopf, die Quintessenz eigener Erfahrungen, bahnt sich seinen Weg – es wächst damit über den Sicherheits-Raum hinaus. Und so findet man sich plötzlich „draußen“ wieder, schaut auf das, was man mitgebracht hat und stellt vielleicht fest:

„Das ist doch alles nix.“

1. Es ist im Regelfall noch nicht „perfekt“, womit man wieder „draußen“ landet. Die „technische“ Marktreife erlangt eine Idee nicht im geschützten Flow, sondern, wenn es denn so sein soll, erst hinterher. Das ist das Mühsame, was man eigentlich nicht hören möchte. Dass er eben nicht so weit reicht der Musenkuss, der in Form eines genialen Funkenflugs automatisch auf ein Fließband führt, das verlässlich und anstrengungslos bis zur erfolgreichen Serienreife weitertransportiert.

2. Langer Atem und Mut zum Risiko gehören dazu, um durch erste und eventuell weitere Durstrecken hindurch zu manövrieren. Der Drang, alles wieder in die Tonne schubsen zu wollen, kann daraus entstehen, dass nicht alles sofort klar sein oder glatt laufen muss, beim Weiterdenken und Weiterarbeiten. Vielleicht sind es die unmittelbar anstehenden nächsten Schritte, Schritte, die man so bisher noch nie gewagt hat. Da kann es passieren, dass man flugs auf Vertrauteres zurückgreift und deshalb das Neue auf einmal nichts mehr wert sein darf. Herausfordernd ist es, hier nicht bequem und sich damit unterhalb der eigenen Möglichkeiten wegzuducken. Es bleibt immer die Wahl: Entscheidet man sich für den fraglos risikoärmeren, aber auch unspannenderen Weg des Vermeidens? Oder setzt man, ohne Erfolgsgarantie, auf Ziele und überlegt, wie man diesen stückweise immer näher kommen kann? Denn man muss nicht sofort wissen, WIE etwas geht, sondern es genügt zu wissen, WOHIN.

3. Das eigene Tun, allein durch vorsichtiges Weitergehen sichtbar für andere werden zu lassen, dafür benötigt man ebenfalls Mut. Deshalb kann es auf den ersten Blick leichter erscheinen abzubiegen und zu sagen: „Das ist doch alles nix“. Wo gibt es UnterstützerInnen, die sich in dem anvisierten Bereich auskennen, dort schon einiges mehr geschafft haben und die damit wertvolle Rückmeldungen geben könnten? Denn man selbst kann nicht alles wissen, so dass Erkenntnisse von „Außen“ wichtige Impulse in bisher ungedachte Richtungen geben können. Sich einem ExpertInnenurteil auszusetzen bedeutet allerdings auch, dass man mit den Regeln konfrontiert wird, die in diesem Bereich gelten.  Wie weit kann und möchte man hier mitziehen, wie weit sich einordnen und ab wann für sich eine Grenze setzen?

4. Es macht Sinn, sich auf den unvermeidlichen „Raumwechsel“ gut vorzubereiten, um so die wackelige Stimmungslage besser auszubalancieren. Dem geschützten Rahmen, in dem sich so angenehm kreativ spinnen lässt, entwächst man im Regelfall ziemlich plötzlich. Diesen Kontrast auszuhalten, das ist recht massiv und verunsichernd. Soeben erlebte man sich noch als unverwundbar, stark und sehr leistungsfähig. Und im nächsten Moment wird man mit einer ganz anderen Wirklichkeit konfrontiert. Man steht da, ohne schützende Flanken, beschwert mit einer Idee, die man nun misstrauisch beäugt. Doch das eigene Leben besteht ja nicht nur aus dieser offenen Flanke. Der regelmäßige Austausch mit FreundInnen und Bekannten stärkt. Und zwar wenn hier gerade NICHT das Neue, das Schöpferische Thema ist. Es gibt keinen Grund, sich nur über eine Sache zu definieren, die vielleicht gerade verunsichernd unrund läuft. Indem man sich immer noch mit all den anderen Facetten wahrnimmt und wahrgenommen wird, bringt einen das wieder auf angenehme Betriebstemperatur runter – und das hat zugleich auch positive Auswirkungen auf das, was sich momentan eckiger anfühlt.

5. Wer will man als kreativer Mensch eigentlich sein – oder denkt man eher, dass man dies auf eine von anderen bestimmte Art SEIN MUSS? Ohne, dass man sich in der eigenen Haut (wieder) wohlfühlt, geht es nur schwer oder gar nicht voran. Damit verliert auch das Schöpferische an Anziehungskraft. Es geht also auch immer um grundlegende Weichenstellungen in der eigenen Haltung sich selbst gegenüber. Richtet man hier sich eher an Mangel aus,  einem „das ist doch alles nix“ oder lässt man sich von der Verwirklichung einer Vision leiten: „Das will ich, das ziehe ich jetzt durch“? Welche Haltung nimmt man gegenüber dem kreativen Entwicklungsprozess ein: Dominiert hier der Wunsch nach Instantlösungen, dass möglichst alles sofort funktionieren muss? Damit reißt man die Latte beim Überspringen garantiert. Versuch und Irrtum, Anecken, sich wieder aufs Neue motivieren, das lässt sich nicht einfach wegwünschen. Wie kann es gelingen, die Aufmerksamkeit vom Endergebnis weg- und mehr auf den Prozess, die zurückzulegende Lernstrecke, zu lenken?

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Kreativität - … ist eine schöpferische Kraft – und sie benötigt Kraft. Ein Spaziergang im Zwischenraum.

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
Kontakt E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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