Symbolbild Mitarbeiterzeitschrift

Eigentlich sollte es richtig, richtig schön werden: alle drei Monate eine hübsch anzusehende und ebenso angenehm zu durchblätternde Zeitschrift herauszugeben, die mit den wichtigsten internen Unternehmensthemen aufwartet. Auf diesem Weg bestens informierte MitarbeiterInnen, so lautete die Erkenntnis, fühlen sich nicht nur besonders wertgeschätzt. Nein, diese MitarbeiterInnen wirken, weil derart positivst auf das Unternehmen eingestimmt, auch als Wunder-Visitenkarte nach außen. Da die Mitarbeiterzeitschrift etwas richtig Wertiges sein sollte, etwas zum Immer-wieder-Lesen, entschied man sich FÜR ein Printprodukt und GEGEN die Online-Variante. Die erste Ausgabe wurde an alle MitarbeiterInnen persönlich verteilt. Mittlerweile stehen, unangetastet, immer noch Kartons der vorletzten Ausgabe im Archiv – und keiner da, der sich beklagt hätte, SEIN Exemplar nicht bekommen zu haben...

Woran hapert es, ein regelmäßiges, gelungenes Informationsmedium für alle MitarbeiterInnen zu schaffen?

  1. Es steht nichts drin.
    Eine Mitarbeiterzeitschrift ist Spiegel der vorherrschenden Unternehmenskultur oder eben auch –unkultur. Wenn bisher kaum bis gar nicht über Relevantes intern kommuniziert wurde, dann kann eine Mitarbeiterzeitschrift diesen offenen Diskurs nicht herbeischreiben. Den bestens eingeführten informellen Kanälen, über die sich MitarbeiterInnen mit wichtigen Neuigkeiten auf dem Laufenden halten, kann das offizielle Organ „Mitarbeiterzeitschrift“ deshalb nicht das Wasser reichen. Zumal vom Start weg auch völlig unklar ist und undiskutiert bleibt: WAS darf und soll eigentlich im Rahmen des Printprodukts kommuniziert werden und über was nicht? Daher geht man lieber auf Nummer Sicher und schreibt über „nichts“ mit dem man auch nur im entferntesten anecken, aber damit auch das Interesse der MitarbeiterInnen wecken könnte.

  2. Die Inhalte reichen nur für eine Ausgabe.
    Alle MitarbeiterInnen sind zur aktiven Mitgestaltung jeder Ausgabe eingeladen – eigentlich. Doch mit Nummer eins hat man offenbar bereits das vorhandene Themen-Reservoir ausgeschöpft. Denn es kommt nichts mehr nach. Die Mitarbeiterzeitung ist eine einsame Insel im Unternehmen mit seinen vielfältigen Kommunikationsflüssen geblieben. Es wird meist unterschätzt, was für ein Aufwand damit verbunden ist, ein gut funktionierendes Informationsnetzwerk zu etablieren. Nicht zuletzt menschelt es an allen Ecken und Enden, so dass persönliche Befindlichkeiten sehr stark darüber entscheiden, ob man sich die Mühe macht etwas beitragen zu wollen oder nicht. Fehlendes Know-how, was innerhalb eines Unternehmens alles Wissenswertes vorhanden ist, macht es außerdem schwierig, Ausgabe um Ausgabe mit Lesenswertem zu füllen. Was von diesem Wissen ist zudem geeignet für die Zeitung? Dürfen deren Inhalte überhaupt auch nach „draußen“  an die Öffentlichkeit gelangen?

  3. Es ist zu wenig oder kein Geld da.
    „Das machen wir alles selber“ ist häufig zu hören, wenn es um die Erstellung einer Mitarbeiterzeitschrift geht. Gibt es da nicht diese Mitarbeiterin, die im Textverarbeitungsprogramm so ein schönes Faltblatt anlässlich der Verabschiedung einer Kollegin in den Ruhestand erstellt hat? Ist da nicht jener Kollege, der leidenschaftlich gerne fotografiert? Und schreiben, das können und sollen ja grundsätzlich sowieso alle… In der Praxis sieht ein solchermaßen zusammengestöpseltes Ensemble dann im Endeffekt auch genau so aus: grob gepixelte und unscharf-unterbelichtete Bilder, über die sich die darauf Abgebildeten bitter beklagen; Texte, deren Verständlichkeit und Spannungsbogen unterhalb der Anleitung zum Ausfüllen eines amtlichen Formblattes angesiedelt sind; das ganze gepresst in ein kunterbuntes Layout mit vielfältigen Schriften und überraschenden Umbrüchen. Nicht nur, dass das Endergebnis auch die gutwilligsten LeserInnen kapitulieren lässt – die redlich bemühte Erstellung verschlingt übermäßig viel Zeit, die ein Unternehmen auch Geld kostet, das sinnvoller in professionelle Unterstützung investiert werden könnte.

  4. Es gibt keine klaren Entscheidungsabläufe.
    Die Mitarbeiterzeitung wird oftmals als Produkt angesehen, das nebenher mitlaufen soll. Deshalb bemüht man sich auch nicht darum, ordentliche Strukturen festzulegen. So steht man, jede Ausgabe erneut, vor denselben Herausforderungen: Wer ist verantwortlich für die Redaktionsplanung? Wer wählt die Schreibenden oder InterviewpartnerInnen aus? Wer übernimmt  die Schlussredaktion, die Druckkontrolle und anschließende Freigabe? Diese Unklarheiten sind nicht nur mühsam, sondern beeinflussen auch das Endergebnis. Denn ohne jemanden, der die Zeitplanung im Blick hat, sich kontinuierlich für die Qualität der Mitarbeiterzeitung einsetzen kann, befugt ist, Entscheidungen zu treffen, blähen sich die grundsätzlich überschaubaren redaktionellen Abläufe zu großen, zeitfressenden Monstern auf. Zeitfressende Abläufe, für die niemand zusätzliche Entlastung von anderen Arbeitsaufgaben erwarten darf. Auch die Fehlerquote steigt proportional zum Grad der Unstrukturiertheit an. Für ein so schwer bezwingbares Ungeheuer möchte verständlicherweise niemand wirklich verantwortlich sein bzw. verantwortlich gemacht werden.

  5. Es gibt nur einen Entscheider/eine Entscheiderin.
    Gar nicht so selten ist die Mitarbeiterzeitung das ganz besondere Herzblatt einer Person im Unternehmen.  Die Anzahl der Menschen, die inhaltlich mitgestalten können, bleibt damit sehr überschaubar: Es ist die Alleinherrscherin oder der Alleinherrscher, welche(r)  darüber entscheidet, was in die Zeitschrift hineindarf oder draußen bleiben muss. Vorschläge für Beiträge werden als unerlaubte Einmischung oder böswillige Kritik am eigenen Können abgeschmettert. Die Inhalte jeder Ausgabe werden unter größter Geheimhaltung erstellt und sorgen bei Publikation für Erstaunen bis Befremden. Wann die nächste Ausgabe erscheint, interessiert deshalb die MitarbeiterInnen von Mal zu Mal weniger.

Mitarbeiterzeitschriften können eigentlich etwas: Als Mittel der strategischen Unternehmenskommunikation verschaffen sie Unternehmen einen Vorteil in Sachen Mitarbeiterbindung und –motivation. Doch dieser „Mehrwert“ lässt sich nicht einfach „entscheiden“: „Wir machen eine Mitarbeiterzeitung“ – und dieser Entschluss setzt automatisch die gewünschten Dynamiken in Gang. Ohne Einbettung in die Kommunikationsstrategie des Unternehmens, ohne Schaffung unterstützender Strukturen auf inhaltlicher, personeller und budgetärer Ebene wird es schwierig, das Projekt „Mitarbeiterzeitschrift“ auf Erfolgskurs zu bringen.

Bildnachweis: www.wortfreundin.com

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
Kontakt E-Mail: info(at)wortfreundin.com