Symbolbild "Let's talk about - what?"

Bezeichnungen aus dem Steuerrecht, der politischen Theorie oder geprägt von Interessensgruppen: Wer bin ich und wenn ja wie viele – könnte man, in Anlehnung an R.D. Prechts Buchtitel, auch für Solo-UnternehmerInnen fragen. Oder sollte man, statt von Solo-UnternehmerInnen, besser von Selbstständigen sprechen, so dass sich hier, ohne Erfolgsdruck, ausnahmslos alle gemeint fühlen können, inklusive derer, die erst am Anfang stehen? Oder gibt es anno 2014 sowieso nur noch EntrepreneurInnen, um dem Innovativen, Radikalen, der Freiheit im täglichen Tun adäquat Rechnung zu tragen?

Es brodelt und blubbert im Topf des Solo-Business’. Darin wird nicht nur viel herumgerührt, sondern man hofft, auch neue Töpfe auf den Herd stellen zu können. MEHR sollen es werden. VIEL MEHR. „Entrepreneurship 2020“ so heißt der im Vorjahr vorgestellte Aktionsplan der EU-Kommission für mehr „Unternehmergeist in Europa“. Man will ein motivierendes Umfeld fördern, damit auch bisher weniger gründungsfreudige gesellschaftliche Gruppen Mut finden, sich selbstständig zu machen. Denn die „alte“ Arbeitswelt ist brüchig, neue Arbeitsplätze müssen auf neuen Wegen geschaffen werden und diese heißen: mehr Neugründungen. Deshalb ein Aktionsprogramm. Klarerweise heißt GründerInnengeist fördern, nicht automatisch „nur“ Solo-Business’ zu fördern, aber eben auch.

Dass sich hier bereits eine Menge getan hat (nicht nur) in Österreich, es nämlich eine Menge mehr „EPU’s gibt (= Ein-Personen-Unternehmen), dies stellt ein Trend-Dossier des Zukunftsinstituts in den Mittelpunkt, das 2013 im Auftrag der österreichischen Wirtschaftskammer erstellt wurde. Der Titel: „EPU machen Zukunft.“ Schon jetzt sind mehr als die Hälfte der innerhalb der Wirtschaftskammer organisierten Unternehmen EPU’s. Diese seien „Protagonisten einer Erfolgsstory“ so die StudienmacherInnen. Diese schreiben allerdings auch: „Sie [EPU] haben eine ganz eigenständige Rolle in der Gesellschaft und müssen lernen, diese Sonderstellung in beruflichen Erfolg umzumünzen […].“

Diese zwei Zitate zeigen die enorme bis wackelige Spannbreite, in der sich ExistenzgründerInnen wieder finden und zuweilen auch viele eckige Runden drehen können. Der geförderten Rutschbahn zum Trotz, kann man recht hart im Selbstständigen-Alltag aufschlagen. Ein Alltag, der eben nicht nur viele Bezeichnungen bereithält, wie man sich jetzt nennen könnte, sondern ExistenzgründerInnen in einen Geschäftsalltag hineinwirbelt, zu dem weder Schule, Ausbildung oder Förderprogramm Nennenswertes zu sagen hatten. Jeder kleine oder große Schritt der prognostizierten „Erfolgsstory“ kann so unfreiwillig zur Pioniertat werden – für jede und jeden ExistenzgründerIn von Neuem. Und das, obwohl so viele andere diesen Weg bereits gegangen sind.

Denn trotz aller motivierenden Zitate und Zahlen, bleiben die Personen und ihr Solo-Business ziemlich unsichtbar in Gesellschaft und Wirtschaftsleben. Vorgegebene (Kammer-)Strukturen, die eher an „Großen“ orientiert sind als an den Bedürfnissen der EinzelkämpferInnen, tragen einen Teil dazu bei, ExistenzgründerInnen eine Tarnkappe umzuhängen bzw. manifestieren den Eindruck, in einem bereits gut eingeführten System nicht vorgesehen zu sein. Dann gibt es noch die regelmäßig zirkulierenden Außenbilder der „armen Selbstständigen“ oder „geldgieriger UnternehmerInnen“. Sie bieten ebenfalls wenig Identifikationspotential für ExistenzgründerInnen. Deshalb: Lieber von sich aus abtauchen und unsichtbar bleiben?

Nein. Erst einmal ist es wichtig sich bewusst zu machen, dass man als ExistenzgründerIn in einem äußerst beweglichen Spannungsfeld herumpaddelt. Da gibt es Förderprogramme, die Mittel zum Arbeitsmarkt-Zweck, aber nicht für die Personen selbst identitätsstiftend sind. Da gibt es eine Außenwahrnehmung, die bestehende Selbstzweifel potenzieren oder der persönlichen Werteskala einen Dämpfer verleihen kann. Und, man ahnt es nur, dass es Möglichkeiten eines neuen Lebens- und Arbeitsmodells geben könnte, über welches man jedoch viel zu selten andere aus dem Nähkästchen plaudern hört.

Aber wie selbst anders oder überhaupt davon erzählen? Sehr häufig ist es weniger eine Frage dessen, sich angesichts überbordernder Angebote nicht entscheiden zu können, welchen Begriff man sich nun als ExistenzgründerIn umhängt. Vielmehr geht es darum, stimmige Worte für das individuelle eigene Erleben zu finden – denn kein Solo-Business gleicht dem anderen. Und andererseits gibt es auch das Bedürfnis irgendwo andocken zu können, an dem, was es schon an Mut spendenden Bildern, Begrifflichkeiten und Vorbildern gibt. Sprache kreiert Wirklichkeit Auf diese Weise kann man sich selbst den Rücken stärken, indem man darüber spricht, wie es für einen selbst ist ExistenzgründerIn zu sein. Damit wird man nicht nur zum/zur wertvollen ImageträgerIn in eigener Sache. Man tut gleichzeitig auch etwas für die Sichtbarkeit und Wahrnehmung von ExistenzgründerInnen ganz allgemein.

Das ist ziemlich viel Gepäck auf den schmalen Schultern, die sich häufig alles andere als ExistengründerIn-repräsentativ anfühlen. Anstelle sofort mit DER großen Frage zu beginnen: Wie möchte ich zukünftig als Solo-UnternehmerIn leben und arbeiten? – kann man es sich leichter machen und zunächst dem großen Unbekannten mit kleineren Fragestellungen entgegengehen. Das heißt aber auch, dafür ein wenig im Unsichtbaren bis Trüben fischen zu wollen. Was weiß man über die Wahlmöglichkeiten, die es gibt, sich als Unternehmen aufzustellen: Möchte man beispielsweise als UnternehmerIn zukünftig wachsen, geht es darum eine innovative Business-Idee zu etablieren, bietet man einen neuartigen Branchenmix, will man als Small Business-Akteur global agieren, was weiß man über die Option ein „social business“ auf die Beine zu stellen?

ExistenzgründerIn zu sein kann so einiges auf den Kopf stellen. Nämlich die Art und Weise, wie man bisher das berufliche Leben geplant oder geglaubt hat, dies tun zu müssen. Neue Möglichkeiten eröffnen sich jetzt IM TUN, durch den beständigen Kontakt und Austausch mit anderen. Dieses Tun umschreibt nicht nur ein „wirtschaften“, sondern dass man genau den Weg einschlägt, welchen man gehen möchte. Man eben nicht die Route wählt, von der man glaubt/andere glauben, dass dies die vernünftigste, konfliktfreiste, erfolgversprechendste... sein müsste. Andernfalls schrammt man beständig an dem vorbei, dem, was es auf Dauer tragfähig macht, das zu tun, was man tut.

Die Strategie ABZUWARTEN bis es sich auf einmal von selbst zeigt, was das zukünftig passendste Lebens- und Arbeitsmodell sein wird, führt nicht zu einem Ziel, das darüber hinaus noch ein ewig gültiges Haltbarkeitsdatum besitzen soll. Die Praxis leitet. Indem man sich Schritt für Schritt einem Prozess anvertraut, der zugleich die Basis kreiert wie auch sicht- und erfahrbar macht, was, als wer und wie man sein Lebens- und Arbeitsmodell ausgestalten kann. Sich selbst nicht mehr in seinen Wahlmöglichkeiten einzuengen, Kompetenzen zu aktivieren, die bisher wenig genutzt wurden, um so neue Verbindungen mit sich selbst aber auch zu anderen eingehen zu können.

Und was ist dann anders, was verändert sich, spricht man aus dieser gelebten Praxis, wie es ist, ExistenzgründerIn, EntrepreneurIn, Solo-UnternehmerIn … zu sein?

Bildnachweis: © Karin & Uwe Annas - Fotolia.com

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"Alles, nur das nicht" (1) - Marketing/PR ist für gar nicht so wenige Solo-Selbstständige nur eines: mühsam. Grund für einen kleinen Ausflug in Herz und Kopf.

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
Kontakt E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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