Symbolbild Kleine Grammatik des Geld-Verdienens

„Sauer“ bzw. „hart“ verdient: Das war die Herkunftsbeschreibung des  Geldes, wie ich sie während meines Heranwachsens kennengelernt habe. Für mich als Kind war damit sonnenklar, dass da, wo Arbeit gegen Geld eingetauscht werden kann, automatisch Spaß und Selbstverwirklichung außen vor bleiben. Sonst klappt es nicht, mit dem Tauschgeschäft. Entweder – oder. Man musste sich schon verbindlich entscheiden.

Musste?

Den Anfang des Dilemmas, ab wann man es als Solo-UnternehmerIn denn verdient, etwas zu verdienen, markieren nach wie vor einige starke Geld-Sätze.

  1. Meine Arbeit fällt mir leicht und macht viel Spaß, deshalb kann ich dafür keine (großartige) Bezahlung erwarten.
  2. Mit meiner Arbeit inspiriere ich andere und schaffe so keine fassbaren und damit messbaren Werte, deshalb darf ich dafür kein Geld verlangen.
  3. Andere sind so viel besser als ich, deshalb kann ich (noch) kein oder nur sehr wenig Geld verlangen.
  4. Ich biete nichts Einzigartiges, deshalb kann ich dafür kein oder nur sehr wenig Geld bekommen.

 

Das, was hier unter eins bis vier geschrieben steht, dem kann man glauben, es bereits selbst erlebt haben, vielleicht auch einen spezifischen gesellschaftlichen Konsens konstatieren. Oder man glaubt diesen vier Sätzen nicht, hat abweichende Erfahrungen gemacht, erlebt vielleicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen völlig anders. Entweder – oder.

Doch die Flügelspannweite dieser Glaubenssätze ist viel weiter, als es das "Entweder-oder" ahnen lässt. An was glaubt man hier eigentlich genau bzw. was glaubt man eben gerade nicht? Denn so klar, wie auf den ersten Blick, ist es nämlich nicht, was bei einem ohne großes Nachdenken ein „stimmt“ oder „stimmt nicht“ hervorruft.

Klopft man die vier Sätze grammatikalisch ab, dann tritt nämlich sofort eine bemerkenswerte Unschärfe zu Tage. Führt der zweite Teil des Satzes mit „deshalb“ tatsächlich einen glaubwürdigen Grund ein oder beschreibt dieser vielmehr eine nachvollziehbare Folge?

Am Beispiel des ersten Satzes könnte man also ebensogut sagen: Der Grund, dass mir meine Arbeit leicht fällt und Spaß macht, ist der, dass ich dafür keine großartige Bezahlung erwarte. In diesem Fall liefert der zweite Satzteil eine bereits bekannte Begründung nach. Und gilt damit zugleich der Umkehrschluss: Meine Arbeit fällt mir schwer und macht keinen Spaß, da ich dafür eine Bezahlung erwarte?

Oder ist es vielmehr so: Fällt mir meine Arbeit leicht und macht Spaß, darf ich anschließend keine großartige Bezahlung erwarten. In diesem Fall ist der zweite Satzteil vielmehr die Folge einer vorausgegangenen Handlung. Und gilt damit ebenso der Umkehrschluss: Meine Arbeit macht keinen Spaß und ist anstrengend, so dass ich in diesem Fall mit Sicherheit eine Bezahlung erwarten kann?

Kausal- oder Konsekutivsatz, das sind dafür die jeweiligen Fachbegriffe – die einen ziemlichen Unterschied machen können. Aber: Lassen sich die so gestellten Fragen zufriedenstellend beantworten?

Wird eine Kausalbeziehung hergestellt, also ein Grund für etwas benannt: Auf welchem rationalen Boden begründen sich die Annahmen? Was davon überzeugt, was nicht und weshalb?

Und wird etwas als Folge, konsekutiv, hergeleitet: Wie eindeutig lässt sich die Spur rückverfolgen, versucht man den Weg umgekehrt zum Ausgangspunkt zu gehen? Kommt man genau dort, beim Spaß,  wieder an? Wenn ja, welche Schritte sind dafür notwendig? Wenn nein: Was ist ein möglicher anderer End- und damit Ausgangspunkt?

Die Art und Weise WIE zwei Inhalte miteinander verbunden sind, erschafft eine neue Gesamtaussage – der man unhinterfragt auf den Leim gehen kann, auch wenn sie dabei Essentielles außer Acht lässt. Wieso? Jeder Satzteil, für sich besehen, umkreist, im Beispiel von Satz Nummer eins, einen eigenen wichtigen Business-Kern: die persönliche Motivation und das Geschäftsmodell. Motivation? Geschäftsmodell? Davon will weder die kausale noch konsekutive Verschaltung wirklich etwas wissen. 

Was lässt sich deshalb MEHR erfahren, guckt man nun diese beiden Sätze separat an?

Meine Arbeit fällt mir leicht und macht Spaß.
=> Kennt man die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit genau das zutrifft?
Wenn etwas Freude bereitet und sich mühelos anfühlt, dann ist dies das Ergebnis von etwas. Woher kommt diese Leidenschaft, aus welchen Quellen wird sie gespeist? Was sind die Werte, die einen motivieren, das zu tun, was man tut? Genauso wichtig zu wissen ist deshalb auch: Was ist essentiell, damit sich diese Akkus wieder aufladen können? Welche Rahmenbedingungen müssen gelten, damit Werte und Tun in Übereinstimmung bleiben?

Ich kann mit meiner Arbeit kein oder nur sehr wenig Geld verdienen
=> WAS möchte man eigentlich WEM anbieten?
Ein Geschäftsmodell funktioniert dauerhaft nicht, wenn man selbst ausschließlich nur gibt und dafür zu wenig bis gar nichts (ein-)nimmt. Ist jedoch klar, weshalb man das tut, was man tut, dann lassen sich aus dieser Erkenntnis Ideen für Produkte/Dienstleistungen kreieren. Wer sind die Personen, für die dies spannend ist? Wie lassen sich die eigenen Werte für mögliche KundInnen begreifbar und damit interessant machen? Wo und wie kann man potentielle KundInnen erreichen?

Nimmt man die beiden Sätze erst einmal auseinander, um sie danach für sich wieder neu zusammenzusetzen, verändert dies auch die Fragestellung. Man fragt weniger nach einem: „Passt das tatsächlich zusammen?“ als vielmehr: „Was passt für mich zusammen?“ Die verbindenden und damit sinngebenden Elemente schafft man sich auf diesem Weg bewusst selbst:

  • nach den Grundlagen des eigenen Tuns zu fragen
  • ein Geschäftsmodell mit Blickrichtung auf die eigenen Werte und die Bedürfnisse der KundInnen auszurichten
  • diese beiden Ebenen immer wieder miteinander abzugleichen: Wie stimmen die eigenen Werte mit den angebotenen Dienstleistungen/Produkten überein? 

Bildnachweis: © Robert Kneschke - Fotolia.com

Wenn Ihnen dieser Beitrag der Wortfreundin gefallen hat, wie wäre es dann damit?
Nach Lieblingsjobs … forschte Annette Lindstädt in ihrer gleichnamigen Blogparade.Und katapultiert mich mit dieser Frage erst mal einige Jahrzehnte retour.

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Kleine Grammatik des Geld-Verdienens (4,2 MiB)

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
Kontakt E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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