Symbolbild Denkbewegungen

Im SPIEGEL war mir diese Aufgabe erstmals begegnet – und trotz einiger Ecken und Kanten lösbar gewesen. Jetzt saß ich wieder vor derselben Fragestellung. In einem Buch, das sich mit Entscheidungsfindung und damit verbundener Fallstricke beschäftigt, begegnete sie mir erneut. Ich erinnerte mich zwar daran, die Aufgabenstellung bereits zu kennen. An die Lösung bzw. den Lösungsweg hatte ich jedoch nicht die geringste Erinnerung.

Nicht, dass ich diesmal keine Lösung gehabt hätte. Ziemlich schnell sogar, nahezu zeitgleich mit Lesen der drei Sätze formte sich auch anstrengungsfrei schon der Rechenschritt: 1,10 – 1 =... Dieses Ergebnis hatte nur den kleinen Schönheitsfehler, dass es (0,10 Cent) FALSCH ist.

Darauf wies der Autor, Daniel Kahneman, unmittelbar hin, nachdem er die Frage gestellt hatte. Da saß ich nun, vor diesem Buch, welches ich bis zu diesem Punkt mit wachsendem Vergnügen gelesen hatte. „Schnelles Denken, langsames Denken“ ist der Buchtitel. Und genau dabei konnte ich mir nun ziemlich lange ziemlich intensiv zugucken, beim „schnellen Denken“ nämlich.

Mit „schnellem Denken“ umschreibt Psychologe Kahneman Denkprozesse, die sich leicht und mühelos anfühlen bzw. anstrengungslos herstellen lassen. Darunter fallen zum Beispiel automatisierte Wahrnehmungsvorgänge wie z. B. ein Auto sehen und dieses als solches identifizieren können. Besitzt man auf einem Gebiet fundierte Kenntnisse, zapft „schnelles Denken“ unmittelbar auch dieses fachliche Wissen an. Dritte Variante des „schnellen Denkens“ ist, verfügt man nicht über besonderes Expertenwissen, man MACHT es sich einfacher. Das heißt, man schnitzt sich aus der eigentlichen Fragestellung, die man mangels Fachkenntnisse eigentlich nicht beantworten kann, eine Fragestellung, auf die man eine Antwort weiß. „Schnelles Denken“ erfolgt intuitiv, man erspürt für sich die Lösung mehr, als dass man tatsächlich das Gefühl längeren anstrengenden Nachdenkens hat. Erst wenn all dies nicht funktioniert, werden die deutlich trägeren Motoren des „langsamen Denkens“ angeworfen. Hier wird wohlüberlegter, konzentrierter, gearbeitet. Dieses Nachdenken wird aber auch als anstrengender empfunden.

All dies hatte ich zuvor in eloquentesten Beschreibungen gelesen und spürte es nun im eigenen Kopf. Wie verdammt träge und schwerfällig der eigene langsame Denkmotor zuweilen in die Gänge kommt.

Es fühlte sich an, als würde mir stets an identer Stelle ein Holzkeil vor die Füße fallen. Meine Reaktion darauf war immer gleich: diesen aufheben, zur Seite legen, zurück an den Start, wieder losgehen, an die Stelle kommen, wo erneut der Holzkeil runterpurzelt, ich bücke mich ein weiteres Mal, hebe ihn auf, lege ihn zur Seite...

Eigentlich eine „klassische“ Coaching-Situation: Man sucht dann das Coaching auf, wenn das eigene Lösungsinstrumentarium nicht dem gewünschten Ergebnis näher bringt. Im Coaching wird gemeinsam das Radar probeweise anders ausgerichtet und geschaut, ob dies den Zugang zu bisher unzugänglicheren jedoch hilfreichen Ressourcen wieder freilegen kann.

Meine rigiden Ehrenrunden führten mich verlässlich stets zum ewiggleichen Ergebnis: 0,10 Cent. Nicht nur das: Nichts anderes schien möglich zu sein. Der Blickwinkel war verengt auf diesen einen Ausschnitt, auf einen einzigen Lösungsweg. Mein Aktionsradius: kurz irritiert zu sein, jedoch nicht zu sehr, um es nicht immer und immer wieder unverändert zu versuchen.

Bei der kleinen, gemeinen Denksportaufgabe war es also angesagt, wollte ich sie doch zu einem guten Ende bringen, die arg eingeschränkte Aufmerksamkeit wieder neu zu verteilen. Das Ziel, so wieder anderes und damit auch den richtigen Lösungsweg sehen zu können.

Doch dafür musste ich den Denkplatz verändern, an dem ich mich zwar nicht in allen Belangen wirklich gut, dafür umso intensiver eingerichtet hatte. Es gibt Orte, an denen man sich bevorzugt aufhält. Diese Orte müssen einem gar nicht unbedingt besonders lieb und teuer, sondern lediglich einfach zu erreichen sein. Via Autopilot navigiert man völlig anstrengungsfrei dorthin. So fühlt es sich richtig an, dort zu sein, wo man nun ist. So bleibt man umso hartnäckiger da, wo man ist, verlässt sich ganz  auf dieses Gefühl.

Der Weg, den ich nach recht vielen Ehrenrunden eingeschlagen habe war: Ich habe zunächst einmal aufgehört zu rechnen. Ich habe aufgehört, den „Trick“ hinter der Rechenaufgabe verstehen zu wollen. Ich habe nur den Text auf mich wirken lassen. Gibt es einzelne Worte, auf die ich stärker reagiere, auf die ich besonders meine Aufmerksamkeit richte? Löst das Lesen des Textes bestimmte Gefühle aus, körperliche Reaktionen...

Mit diesem Vorgehen blieb ich einerseits immer in Sichtkontakt mit dem sicheren, wenn auch lösungsfernen Ort. Das war gut und wichtig. Denn an diesem Ort hatte ich zumindest eine (falsche) Lösung erarbeitet. Woanders hätte ich erst einmal gar nichts gehabt. Andererseits habe ich trotzdem einen anderen Gedankenweg einschlagen können, der darüber hinaus noch einfach zu erreichen war. Lesen und fühlen, das ging. (Mehr zur „Semantischen Reaktion“ hier)

So habe ich erfahren: Ich habe die Sätze gelesen wie eine Textaufgabe der Grundschule. Dort versteckten sich in umständlichen Worten Zahlen, die man herausfiltern und berechnen musste. Höchstgeschwindigkeit war hier angesagt, um als eine der ersten die richtige Lösung präsentieren zu können. Deshalb schnellte auch mein Stresspegel sofort bei Auftauchen der ersten Zahl ziemlich in die Höhe, denn Zahlen in Texten, das bedeutete damals immer schnell nach Schema rechnen zu müssen. Mehr nicht.

Schnell war ich in diesem Fall, im Herausfiltern und Rechnen und damit hatte der Denkort nach Grundschulart seinen Dienst erfüllt. Problem war nur: Dies war keine dezidierte Grundschulaufgabe und ich habe vor einigen Jahrzehnten das Abitur gemacht – es passte also doch so einiges nicht wirklich zusammen. Das leuchtete mir ein, dass es auf dieser Basis keinen Sinn machen würde, zum xten Mal 1,10 – 1 zu rechnen.

An diesem Punkt begannen die sicheren, aber auch bisher verhärteten Denkkrusten sich zu verflüssigen. Und ich konnte endlich nachdenken bzw. langsam denken, was ENDLICH das richtige Ergebnis brachte (0,05 Cent).

Happy End und Denk-Rehabilitation. Zumindest fürs erste.

Literatur:
Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag. München. 2014. S. 85.

Bildnachweis: www.wortfreundin.com

 

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Nicht schon wieder: Da ist diese eine Sache. DIE Sache, welche man sich bereits zum xten-Mal vornimmt. Und jetzt wird/soll/muss es klappen. Aber auf halber Strecke ist die Luft draußen. Schon wieder. Zeit für eine spielerische Spurensuche.

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Denkbewegungen (4,3 MiB)

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
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