Symbolbild "Beziehungs-Weise"

Dem Lehrer die Tasche tragen
...zwingend beliebter gemacht, hat man sich damit nicht, bei den anderen in der Klasse als TaschenträgerIn. Doch das war offenbar zu verschmerzen. Von den LehrerInnen auf diesem Weg Aufmerksamkeit zu bekommen, das war es, was zählte.

Dieses Beispiel entstammt zwar der Mottenkiste der Offline-Welt. Es demonstriert jedoch auf anschauliche Weise, das immer noch off- wie online gültige Wirkprinzip: Man selbst hat sie in der Hand, die Qualität der Beziehungen. So ist es legitim, sich ganz offensichtlich darum zu bemühen, die Beziehungskarten neu zu mischen und deshalb eine Gelegenheit überhaupt erst zu kreieren bzw. herbeizuführen. Die dahinter liegende Absicht ist, eine Begegnung möglich zu machen (beispielsweise nicht als eine(r) unter vielen im Klassenverband), in der ein anderer oder überhaupt erstmalig ein Dialog stattfinden kann.

„So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt“
...bringt es Goethes „Torquato Tasso“ kunstvoll in einen Satz, wie heikel sich andererseits diese Mission des gezielten Beziehungknüpfens gestalten kann. Welcher Kontakt bringt einen weiter? Wer ist interessante(r) MultiplikatorIn? Wer erreicht wie viele Personen? Von anderen unterstützt werden, das ist im Solo-Business essentiell. Der eigene Wirkungsradius ist limitiert, ebenso wie die zur Verfügung stehenden Ressourcen, um an möglichst vielen guten Orten möglichst flächendeckend präsent zu sein. Deshalb macht es Sinn, sich seine bestehenden und Noch-Nicht-Kontakte durchaus bewusst daraufhin anzuschauen: Wer hat sie bereits, die guten Verbindungen, die starke Stimme, die einem selbst noch fehlen? Doch weshalb sollte ausgerechnet diese(r) umschwärmte MultiplikatorIn für einen seinen guten Namen samt Kontakte in die Waagschale werfen? Ach ja. Da war doch diese Sache mit Vertrauen und Wertschätzung...

„Es gäbe kein gefälschtes Gold, wenn es nicht irgendwo auch echtes Gold gäbe.“ Sufi-Sprichwort*
Man würde derzeit nicht so viel über Vertrauen und Wertschätzung sprechen und schreiben, wenn man nicht festgestellt hätte, dass es sich „ohne“ ziemlich mühsam gestaltet. Ziemlich mühsam insofern, lässt man zu, dass ein Zweck von A bis Z die Beziehung dominiert: Empfiehl mich weiter – na, mach schon! Nicht nur online lassen sich solche starken Empfehlungsallianzen beobachten. Sobald man mit einer Person aus diesem Netzwerk in Berührung kommt, fächert sich automatisch das sie umgebende Personengeflecht auf – und verstärkt, wie unter einer sehr starken Lupe das, was man sonst erst auf den zweiten Blick oder vielleicht gar nicht bewusst von dieser einen Person wahrgenommen hätte. Sei es  in der Vermarktung der Online-Produkte, der Ansprache der KundInnen, den thematischen Schwerpunkten... Diese roten Fäden, die sich so besser bei dieser einen Person durch die vielen anderen Kontakte erkennen lassen, sind kein Zufall. Sondern sie sind das nach außen sichtbare Merkmal, das die NetzwerkpartnerInnen untereinander tiefergehend verbindet.

„Dialogisches Leben ist nicht eins, in dem man viel mit Menschen zu tun hat, sondern eins, in dem man mit den Menschen, mit denen man zu tun hat, wirklich zu tun hat.“ Martin Buber**

Mit wem und wie arbeitet man längerfristig gerne und gut zusammen? Dort, wo die Qualität für beide Seiten stimmt. Welcher Art kann diese Qualität sein:

  • Indem man die Qualität, wie die oder der andere arbeitet, schätzt.
  • Indem die Qualität des Nehmens und Gebens für beide Seiten ausgewogen ist.
  • Indem die Qualität dessen, was der eine oder die andere sagt und tut, verlässlich übereinstimmt.

In diesem Feld, was sich in der 1:1-Begegnung zwischen zwei Personen aufspannt, kann Vertrauen und Wertschätzung entstehen. In weiterer Folge wird dann auch mehr möglich (Empfehlungen, eine Ausweitung des Personenkreises).  Deshalb wird zunächst der „Zweck“, den ein zukünftiges Bündnis für beide Seiten haben könnte, hintenangestellt. Autor Simon Sinek umschrieb dies in einem Interview als „völlig erwartungsfrei“ in Besprechungen hineinzugehen. Oftmals bekäme er anschließend die Rückmeldung, dass Menschen überrascht seien, wie viel seines Wissens er bereits hier mit den anderen teilt. Zu einem Zeitpunkt, an dem noch offen sei, ob eine weitere Zusammenarbeit infrage komme, man über die Absichten seines Gegenübers noch so gar nichts wisse. Für Sinek besitzt jedoch das, was andere als „zu großzügig“ empfinden, eine unersetzliche Qualität. Indem er sein Wissen unvoreingenommen teilt, die ihm gestellten Fragen bestmöglich beantwortet, gelingt ihm ein anderer, zweckfreier Blick. Gibt es Werte, die er und sein Gegenüber gemeinsam haben? Können diese eine Basis sein für eine Geschäftsbeziehung, auf die man in Zukunft vertrauen will?

„You don’t just want any influencer; you want someone who believes what you believe. Only then will they talk about you without any prompts or incentives.“ Simon Sinek***

Netzwerke sind Ausdruck eines Bedürfnisses und einer Fähigkeit. Nämlich der, sich in Gruppen zusammenzuschließen. Netzwerke sind damit aktiv herbeiführbar und sie folgen einem Zweck. Das ist keinesfalls wertend gemeint, sondern beschreibt lediglich, wie man sich dort begegnet, wovon dieses „sich begegnen“ bestimmt werden kann. Wertschätzung und Vertrauen herzustellen, das ist jedoch nichts, was sich gezielt herbeiführen lässt.  Man gibt, einfach weil man geben möchte; man lädt zu einer Begegnung ein – ohne Garantie, dass diese Einladung angenommen oder erwidert wird.  Es ist gut, sich immer wieder bewusst zu machen, dass diese Unterschiede, zweckgebunden/absichtslos, existieren. Man selbst hat die Freiheit einzuladen oder Einladungen anzunehmen, die Freiheit, zwischen Zweck und Einladung hin- und herzupendeln - und damit eine Gestaltungsfreiheit, die weit über die eigenen Vier-Wände hinausreicht: „Die Qualität der Welt, in der wir leben, wird bestimmt durch die Qualität unserer Beziehungen.“ Martin Buber

*Zitat entnommen aus Barbara L. Fredrickson: Die Macht der guten Gefühle. Campus Verlag. Frankfurt a.M. 2011. S. 29.

** Im November 2014 besuchte ich ein Seminar von Elisabeth Ferrari mit dem Titel: „Martin Buber im Business-Kontext.“. Das Seminar wurde veranstaltet vom SySt-Institut München. Diesen inspirierenden zwei Tagen verdanke ich wertvolle Einsichten für meine weitere Arbeit und auch die hier im Blog-Beitrag aufgeführten Buber-Zitate.

*** Simon Sinek: Start with why. How great leaders inspire everyone to take action. Penguin Books. London. 2009.

Bildnachweis: www.wortfreundin.com

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Das entscheide ich morgen - vermutlich auch nicht: Erledige ich dies? Kaufe ich das? Spreche ich jenes Thema an… Die meisten Entscheidungen treffen wir einfach. Dann gibt es jedoch Entscheidungen, vor denen wir uns drücken. Tagelang oder noch deutlich länger.

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Beziehungs-Weise (4,4 MiB)

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Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, Texterin und Beraterin
schreibt für mittelständische Unternehmen sowie Non-Profit-Organisationen und berät Solo-UnternehmerInnen in Sachen Marketing & PR.
Kontakt E-Mail: info(at)wortfreundin.com

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